https://www.faz.net/-gr3-9dbdo

Niccolò Ammanitis Roman „Anna“ : Wenn alles Gewohnte seinen Sinn verliert

Autor Niccoló Ammaniti Bild: Roberto Nistri

Nach der Apokalypse sieht die Welt schon ganz anders aus: In seinem neuen Roman führt Niccolò Ammaniti zwei Kinder ins Jahr 2020 und baut dabei auf eine Tradition, die bis zu Jules Verne zurückreicht.

          4 Min.

          Als der Schäferhund, den sie „Coccolone“, also „Kuscheliger“, getauft haben, in der Meerenge nun doch noch das Tretboot erreicht hat, in dem Anna und ihr Bruder Astor sitzen, als das Mädchen dann den halbtoten Hund endlich mühsam aus dem Wasser wuchtet und ihr vor Erleichterung fast die Tränen kommen, sagt sie spontan: „Ich könnte ihn heiraten.“ Der Hund sei „ihr Liebster“, flüstert sie dem wehrlosen Tier ins Ohr und bedeckt Coccolone mit Küssen. Der kleine Astor aber fragt: „Geht das, einen Hund heiraten?“

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Frage ist weniger absurd, als es scheint, nicht nur weil Astor es gewohnt ist, das zu akzeptieren, was seine fünf Jahre ältere Schwester über die Welt und deren Regelwerk verkündet. Sondern auch, weil so gut wie alles, was in dieser Hinsicht einmal galt, in dieser Situation auf dem Prüfstand steht. An diesem Punkt der Handlung von Niccolò Ammanitis Roman „Anna“, der im italienischen Original 2015 erschienen ist und dieser Tage auf Deutsch erscheint, blicken die Kinder zurück auf eine Apokalypse, die mehr als vier Jahre zuvor über die Welt hereingebrochen war und, wie es scheint, alle Erwachsenen getötet hatte: Ein Virus, aus Belgien stammend, hatte sich 2016 rasend schnell verbreitet, dabei aber rätselhafterweise die Kinder verschont.

          Nun, im Spätherbst 2020, schlagen sich die dreizehnjährige Anna und ihr achtjähriger Bruder im heimatlichen Nordsizilien durch. Die Bedingungen dafür sind vergleichsweise gut. Ihre Mutter war mit ihnen schon lange vor dem Ausbruch der „roten Seuche“ in ein Landhaus bei Castellamare gezogen, wo sie einen großen Gemüsegarten angelegt hatte. Als die Katastrophe näher kam und klar wurde, dass es für die Erwachsenen kein Entkommen geben würde, fing sie an, den Kindern, vor allem aber der neunjährigen Anna, in einem Heft alles aufzuschreiben, was sie für das Überleben brauchen könnten, inklusive Anweisungen für den Umgang mit der Leiche, die sie bald sein würde. Über diesen Punkt allerdings setzt sich Anna hinweg: Sie sammelt die Knochen der Mutter ein, bemalt und schmückt sie und drapiert sie in der richtigen Ordnung im Elternschlafzimmer.

          In der Anarchie sind Worte wertlos

          An solchen Stellen blitzt immer wieder das Interesse des Autors daran auf, wie sich die Kinder jenseits der Notwendigkeit des schieren Überlebens noch verhalten, wie sie dem Tag Struktur verleihen und woher sie etwa spirituellen Halt beziehen – das mütterliche Skelett, aufbewahrt in einem verschlossenen Zimmer und dem allgegenwärtigen Verfall entzogen, fungiert als Symbol einer besseren Zeit, in der die Kinder ihr Schicksal komplett bei den Erwachsenen aufgehoben wussten. Und der bizarre Kult einer gewalttätigen Jugendgruppe, in dem überall zusammengeraffte Knochen eine wesentliche Rolle bei der erhofften magischen Rettung vor der Seuche spielen, stellt die Nachtseite dieser Orientierungssuche dar.

          Insgesamt steht „Anna“ in einer literarischen Tradition, die mindestens bis Jules Vernes „Zwei Jahre Ferien“ (1888) zurückreicht und so unterschiedliche Werke wie William Goldings „Herr der Fliegen“ (1954) und John Christophers „Leere Welt“ (1977) umfasst. In ihr sind Kinder und Jugendliche jäh auf sich allein gestellt, um in einer von Erwachsenen geprägten, nun aber von diesen entblößten Kultur zu überleben und darüber zu entscheiden, welche Traditionen sie fortführen wollen und welche nicht. Die Welt, in der sie sich bewegen, liefert Anlass genug für solche Überlegungen, schon durch die allgegenwärtigen Relikte aus der Zeit vor der Apokalypse und die Verheerungen in den folgenden vier Jahren: „Jetzt, nach den Plünderungen und Bränden, blieben von den hübschen Häusern im mediterranen Stil nur noch die Wandpfeiler aus Beton, dazu haufenweise Ziegel, Schutt und rostige Gittertüren. Bei Häusern, die das Feuer verschont hatte, waren die Türen aus den Angeln gerissen, die Scheiben zerbrochen und die Mauern voller Graffiti. Auf den Straßen lagen die winzigen, stumpfen Glasstücke zerplatzter Autoscheiben.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein österreichischer Polizist weist einem deutschen Reisenden im März am Brenner den Weg

          Streit am Brenner : Italien will deutsche Urlauber

          Italienische Oppositionsparteien fordern von Österreich die Öffnung der Grenze am Brenner. Für die Kurz-Regierung ist Italien immer noch ein Hotspot der Pandemie. In Rom mutmaßt die Regierung, Österreich wolle Italien deutsche Urlauber wegnehmen.
          Außenminister Heiko Maas

          Hongkong : Europas klare Worte an China

          Im Streit um Chinas Einfluss auf Hongkong will die EU nicht von Sanktionen sprechen. Die Außenminister setzen auf Diplomatie. Reinhard Bütikofer will Huaweis Beteiligung am 5G-Ausbau an Chinas Verhalten knüpfen.

          Tod von George Floyd : Im Kriegsgebiet von Minneapolis

          Nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd eskaliert in Minneapolis die Lage. Der Bürgermeister ist um Deeskalation bemüht, der Gouverneur mobilisiert die Nationalgarde. Die Stadt gleicht einem Schlachtfeld.
          Was halten Kinder aus? In den Schulen müssen nun auch die Kleinsten Schutzmasken tragen, wie hier in einer Grundschule in Prag.

          Zur Lage der Schulen : Die Lehrer sind nicht an allem schuld

          Erst langsam öffnen die Schulen wieder ihre Pforten. Von einem Regelbetrieb sind die meisten noch weit entfernt. Viele Eltern entdecken schon jetzt einen bewährten Sündenbock. Aber wie geht es den Kindern?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.