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: New York war ihr Schicksal

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An einem dieser ereignislosen, sich unbeschwert-beiläufig abspulenden Tage sitzt Bootie Tubb auf einer Bank im Central Park und liest in Tolstois "Krieg und Frieden". Bootie ist der über viele Seiten kaum sichtbare Held von Claire Messuds beeindruckendem Roman "Des Kaisers Kinder". In der Plastiktüte, ...

          An einem dieser ereignislosen, sich unbeschwert-beiläufig abspulenden Tage sitzt Bootie Tubb auf einer Bank im Central Park und liest in Tolstois "Krieg und Frieden". Bootie ist der über viele Seiten kaum sichtbare Held von Claire Messuds beeindruckendem Roman "Des Kaisers Kinder". In der Plastiktüte, die neben ihm liegt, befindet sich sein zerlesenes Exemplar von Ralph Waldo Emersons gesammelten Essays. Schweiß kribbelt auf seine Haut, die Brille rutscht ihm ständig von der Nase; es ist heiß in New York, und das Lesen kostet ihn, der gerade das Studium an der von seiner Mutter ohnehin als zweitklassig erachteten Universität von Oswego geschmissen hat, um es in Manhattan "auf eigene Faust" zu versuchen, plötzlich unvermutet viel Kraft. Bootie ist zum ersten Mal in Manhattan, seit er "groß" ist, wie Messud ihn in seiner noch beinahe kindlichen Unschuld sagen lässt, und die durchaus ambivalente Faszination, die die Geschäftigkeit der Großstadt auf ihn ausübt, überträgt sich auf den Leser, der Booties zwischen Literatur und Leben hin und her schweifendem Blick viele der Beobachtungen verdankt, die Messuds Roman so außergewöhnlich machen.

          "Des Kaisers Kinder", das vierte Buch der 1966 geborenen Claire Messud, ist infiziert von der Leidenschaft für die Literatur, von der Wahrhaftigkeit der Literatur, von dem klaren Bewusstsein für den Widerspruch von Schein und Sein, das wie ein lichtheller Spiegel in allen Winkeln dieser weitläufigen Erzählung steht und sich in der ungetrübten, oft etwas befremdeten Wahrnehmung des in den Augen seiner Mutter "vom Wunderkind zum Wirrkopf" herangewachsenen Bootie aufs anschaulichste kristallisiert: "Er wunderte sich im Stillen über diese New Yorker Gestalten, die hier in Businesskleidung oder hautengen Sporttrikots an ihm vorbeizogen, hagere, gehetzte Männer und Frauen." Bootie versucht an diesem Morgen, nur wenige Tage nach seiner Ankunft in Manhattan, vergeblich, sich im Central Park auf seine Lektüre zu konzentrieren.

          Samstag, der 12. Mai 2001: Als plötzlich Marina vor ihm steht, die strahlende Tochter des Onkels, bei dem Bootie sich einquartiert hat, nimmt eine mit geradezu provozierender Gelassenheit angestoßene Entwicklung ihren Anfang, in deren Verlauf Marinas "dicker Cousin aus der Provinz", der in seiner Plastiktüte "die intellektuelle Unabhängigkeitserklärung" Amerikas mit sich trägt, wie eine Bombe in die feine New Yorker Gesellschaft hineinzuplatzen droht. "Wir haben Angst vor der Wahrheit, Angst vor dem Schicksal, Angst vor dem Tod und Angst voreinander", so Emerson, dessen 1841 erschienener Essay "Self-Reliance" Booties radikale, um Selbstbesinnung und geistige Erneuerung bemühte Stimme lenkt, die in Messuds Roman noch unter dem hereinbrechenden Lärm der Katastrophe des 11. September nachhallt. "O Vater, o Mutter, o Frau, o Bruder, o Freund, mit euch habe ich bisher dem Scheine nach gelebt. Von jetzt an gehöre ich der Wahrheit." Lange gab es keinen Roman von vergleichbarem Format, der den Mythos des "amerikanischen Traums" auf ähnlich elegante und erbarmungslose und am Ende doch sehr ironische Weise bloßgestellt hat wie dieser.

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