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: New York war ihr Schicksal

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Marina, ein ehemaliges It-Girl, deren "Aura des beginnenden Erfolgs" sich allmählich zu verflüchtigen beginnt, ist nach dem Scheitern einer Beziehung zurück zu ihren Eltern ans obere Ende des Central Park West gezogen und kämpft lethargisch um das Ende eines schon vor Jahren begonnenen Buchs. Marinas Vater, der gefeierte Intellektuelle Murray Thwaite, den der neunzehnjährige Bootie aus der Distanz der nahe der kanadischen Grenze gelegenen Kleinstadt, in der er mit seiner Mutter gelebt hatte, um sein anspruchsvolles Geistesleben beneidete, gilt als Inbegriff moralischer Integrität.

Als Kritiker sowohl der ehemaligen Clinton-Regierung wie des neuen "Marionettendiktators" George W. Bush verkörpert Thwaite in den Augen seines Neffen die kompromisslose geistige Unabhängigkeit, nach der Bootie mit bestem Wissen und Gewissen strebt. Marina und Murray Thwaite, Bootie und Marinas ebenfalls dreißigjährige Freundin Danielle, der Buchkritiker Julius Clarke, der mit den beiden an einem College der Ivy League studiert hatte und seinen schon längst nicht mehr ganz so extravaganten Lebensstil mittlerweile durch einen anspruchslosen Job in einer Zeitarbeitsfirma finanziert: In "Des Kaisers Kinder" bewegen sich die facettenreichen, mit großer Sorgfalt entworfenen Charaktere so schwerelos umeinander wie die Figuren eines Mobiles. Messud spiegelt Biographien ineinander, sie lässt den vom Establishment gefeierten Murray Thwaite, der heimlich an einem philosophischen Werk arbeitet, das ihn "in die Sphäre der Unsterblichen erheben würde", über die gleichen Fragen nachdenken wie den idealistischen Nonkonformisten Bootie, der aus dem Panorama dieser weitschweifenden, an den Gesellschaftsromanen von Henry James und Edith Wharton geschulten Erzählung immer wieder hinaustritt, um dann mühelos in deren Zentrum zurückzukehren. Als Messud mit dem charismatischen Ludovic Seeley eine weitere Figur ins Spiel bringt, die aufgrund einer sich niemals ganz auflösenden Bewegungsunschärfe letztlich nur schwer zu fokussieren ist, steuert der Roman unaufhaltsam auf einen kritischen Moment zu. Seeley, den Marinas Freundin Danielle während eines Aufenthalts in Australien kennengelernt hatte, ist in New York, um eine Zeitschrift zu lancieren, in der er die Mittelmäßigkeit, die Konformität und den Opportunismus des Establishments demaskieren will. Seeley ist der Napoleon, der bei Tolstoi trotz seiner Anstrengungen, auf den welthistorischen Verlauf einzuwirken, am Ende doch "das nichtigste Werkzeug der Geschichte" ist. Hier wird er zum Katalysator, der den von seiner Integrität überzeugten Bootie zum Handeln zwingt, als dieser einen Makel im Leben des Onkels entdeckt.

"Wir brauchen Männer und Frauen, die das Leben und die sozialen Zustände erneuern", so der von Bootie zerlesene Emerson. "Wir scheuen den rauhen Schicksalskampf, in dem Stärke geboren wird." In Claire Messuds Roman sind es die Attentäter des 11. September, die Bootie zu seinem wahren Ich verhelfen und zu der Unabhängigkeit und der Freiheit, die das Geburtsrecht eines jeden Amerikaners ist.

THOMAS DAVID

Claire Messud: "Des Kaisers Kinder". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Sabine Hübner. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007. 544 S., geb., 24,95 [Euro].

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