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Graham Greenes „Der dritte Mann“ : Harry Lime ist gar nicht tot

Als Film bekannt: Der Schauspieler Orson Wells und der Regisseur Carol Reed im September 1948 in Wien bei den Dreharbeiten zu „Der Dritte Mann“ Bild: Picture-Alliance

Der Welterfolg des Films „Der dritte Mann“ stellte Graham Greenes gleichnamigen Roman in den Schatten. Jetzt liegt dieser auf Deutsch vor – und offenbart im Vergleich zum Drehbuch mehr Witz, Weichheit und Selbstironie.

          Literaturverfilmungen halten oft dem Vergleich mit den Büchern nicht stand, die sie als Ausgangsmaterial benutzen und den Notwendigkeiten des Mediums entsprechend modellieren, dem Zeitgeschmack entsprechend verändern, verbiegen, glätten oder auch ganz brav wie in einem Kahn nur unfallfrei und devot von einem (dem Buch) zum anderen Ufer (dem Film) zu transportieren suchen. Die Enttäuschung bei denen, die ein Buch lieben, ist fast immer schon im ersten Bild des Films, dem es zugrunde liegt, zementiert.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wie aber sieht es umgekehrt aus? Wie liest sich ein Roman, dem ein Film vorausging? Noch dazu ein Film, der wie ein Massiv in der Nachkriegsfilmgeschichte steht, weil der grandios zum Diabolischen begabte Koloss Orson Welles darin die Figur spielt, um die sich alles dreht? In dem die wunderbare Alida Valli mit vor innerer und äußerer Kälte hochgezogenen Schultern aus dem verschneiten Bild läuft, als liege ihr Ziel jenseits der Welt? Und in dem eine Zithermelodie eine erzählende Rolle einnimmt? Es handelt sich, natürlich, um den „Dritten Mann“. Der Film kam 1949 heraus. Der Roman 1950.

          Graham Greene hatte das Drehbuch zu dem Film von Carol Reed geschrieben, und Graham Greene ist es auch, von dem der gleichnamige Roman stammt. Aber der Roman entstand nur, damit daraus der Film würde, weil Greene eine Geschichte nicht von vornherein als Drehbuch („diese stumpfsinnige Kurzschrift“) konzipieren konnte. „Man bringt“, schreibt er in seiner Vormerkung zu dem Roman, „den ersten Schöpfungsakt nicht in Drehbuchform zustande.“

          Erzählen, was nicht gezeigt werden kann

          So musste er, selbst wenn der Auftrag von dem Filmproduzenten Alexander Korda kam und auf ein Drehbuch lautete wie im Fall des „Dritten Manns“, erst einmal eine Geschichte in Form einer Erzählung oder eines Romans schreiben, aus dem er dann das Drehbuch herausschneiden konnte – in einem kollektiven Akt, so beschreibt er es, an dem sowohl Reed wie auch Orson Welles beteiligt waren. Greene bezeichnet daher seinen „Dritten Mann“ als ein Buch, das „nicht gelesen, sondern gesehen werden“ sollte. Und dann kam es doch auf den Buchmarkt, wurde gelesen und übersetzt und schießlich vergessen. Nun liegt es in der eleganten Neuübersetzung von Nikolaus Stingl auf Deutsch vor. Lohnt die Lektüre? Brauchen wir das?

          Graham Greene: „Der dritte Mann“. Roman. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Mit einem Nachwort von Hanns Zischler. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2016. 160 S., geb., 18,90 €.

          Ja, schon. Nicht, weil wir vergessen hätten, dass Harry Lime, die Figur, um die alles kreist, gar nicht tot ist, obwohl etwa vier Fünftel der Geschichte davon ausgehen. Nicht, weil wir nicht mehr wüssten, wie die vier Besatzungsmächte nach Kriegsende das zerstörte Wien zwischen sich aufgeteilt hatten und wie der Personen- und Warenverkehr zwischen den Sektoren von hin und her huschenden Gestalten in der Dunkelheit vonstatten ging, die nur die Reflektion schütterer Beleuchtung im Schnee ein wenig brach. Wir erinnern uns ganz ohne Buch daran, mit welcher Skrupellosigkeit Harry Lime seine Schiebereien mit verschnittenem Penicillin rechtfertigte, haben noch den Ausdruck enttäuschter lebenslanger Liebe auf dem Gesicht von Joseph Cotton als Westernautor Holly Martins vor Augen, als er der Machenschaften seines alten Jugendfreunds Harry Lime gewahr wird, der ihn immer nur benutzt hat. Für all dies brauchen wir das Buch (in dem Holly Martins Rollo heißt) nicht.

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