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: Neues vom Monsterkrieg

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"Was machen wir jetzt?" - kein schlechtes Serienende, diese Frage der kleinen Schwester Dawn (Michelle Trachtenberg) an die Heldin Buffy Summers (Sarah Michelle Gellar). Damals, vor vier Jahren, standen beide am Abgrund und sahen hinunter in den Krater, der gähnte, wo sieben Serienstaffeln lang ihre Heimatstadt ...

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          "Was machen wir jetzt?" - kein schlechtes Serienende, diese Frage der kleinen Schwester Dawn (Michelle Trachtenberg) an die Heldin Buffy Summers (Sarah Michelle Gellar). Damals, vor vier Jahren, standen beide am Abgrund und sahen hinunter in den Krater, der gähnte, wo sieben Serienstaffeln lang ihre Heimatstadt Sunnydale gewesen war.

          Weil "Buffy, the Vampire Slayer" eine Fernsehshow war, die beispielloses Tiefenwissen ihrer Schöpferinnen und Schöpfer über die Gesetze der phantastischen Genres mit hohem Erzählgeschick, überraschenden Formateinfällen und einem ausgezeichneten Schauspielensemble zusammenführte, trägt die Liebe der Fans zu Buffy immer noch Zinsen. Deshalb sind seit 2003 zahlreiche lizenzierte Romane und Internet-Amateurgeschichten erschienen, die Antworten auf Dawns Frage andeuten, umspielen oder bewusst aussparen. Das Besondere an "The Long Way Home, Part 1", einem Comic-Heft, das am Erscheinungstag vor zwei Wochen sofort ausverkauft war, ist der Verfasser: Joss Whedon hat Buffy erfunden und sich erkennbar vorgenommen, das schwer einholbare Davonlaufen der Spekulationen über mögliche Fortsetzungen in alle Himmelsrichtungen mit einem Kraftakt zu unterbinden: Hier überschreibt der Chef persönlich die Mutmaßungen und Phantastereien der von ihm Angeregten; sein Wort gilt, nehmt es hin und freut euch gefälligst.

          Die bislang schlüssigste und klügste Ergänzung zum Kanon, Nancy Holders Roman "Queen of the Slayers" von 2005, wird dabei in einem Nebensatz umgedeutet, zusammengerafft und abgebügelt - nicht nett, aber lustig dreist; Whedons Heft ist auch sonst ein Fall für den Literaturwissenschaftler Gérard Genette, dessen Palimpsest-Theorien der einander als Parasiten aufsitzenden Erzählgattungen Hommage, Parodie und Travestie der Chef auf gerade mal vierundzwanzig Seiten mühelos komplett verarztet und gleich noch auf den Kopf stellt.

          Denn wo der gescheite Franzose glaubt, dass solche Spiele dazu dienen, alte Werke neu in den Kunstkreislauf einzuspeisen, beweist der listige Amerikaner, dass man auch das schlechthin Neue ("Pop") immer noch ein bisschen neuer machen kann. Nein, Buffy ist nicht von Monstern gefressen worden; aber auch die Erstarrung zur langweilig kanonischen Legende steht nicht zu befürchten, solange sie so respektlos und zugleich liebevoll gepflegt wird. Das Heft, Beginn einer auf zwischen zwanzig und dreißig Ausgaben angelegten Reihe, hat eine kleine, unvermeidbare Schwäche: Buffy sagt und tut hier nur, was Whedon will, und nur so, wie er es will. Sarah Michelle Gellar hat sie ihm seinerzeit zumindest teilweise entrissen, vor allem in den letzten Jahren der Show, als die Arbeit der Schauspielerin an ihrer Figur dieser sichtbar Züge (Älterwerden, Verantwortung übernehmen) erschlossen hat, die niemand hätte zeigen können, wenn es Gellar nicht gegeben hätte. Das fehlt im Comic. Die Stärken aber überwiegen: Der Sound sitzt, die Obertöne sind so zahlreich wie im Fernsehen, die Witze in Dialog und Plot flink wie ehedem (Buffy und ihre jetzt um Hunderte von Freiwilligen ergänzte Truppe werden vom Militär gejagt, weil Monsterbekämpfung "nicht im amerikanischen Interesse" ist; ein Marschbefehl fordert "die Besten, nicht die Bestangezogenen" an; wenige Comic-Hefte lassen so stilsichere Comic-Anspielungen aufblitzen wie dieses).

          Ist Dawns Serienabschlussfrage also erledigt? Das Schönste: keineswegs, denn Buffys lange Reise nach Hause - nämlich zurück zu uns, den Fans -, hat erst angefangen.

          DIETMAR DATH

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