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Neues Buch von Juli Zeh : Bloß nicht bewegen

Juli Zeh, Schriftstellerin und ehrenamtliche Verfassungsrichterin in Brandenburg Bild: Amin Akhtar/laif

„Fragen zu ,Corpus Delicti‘“: Das neue Buch von Juli Zeh wirkt wie ein Kommentar zur Pandemie. Es geht um Freiheit und Staatswillkür. Was können wir daraus lernen?

          5 Min.

          Seit Beginn der Corona-Pandemie ist, als einem „Buch der Stunde“, in Artikeln, Essays und Interviews immer wieder von einem Roman die Rede, der vor etwas mehr als zehn Jahren erschienen ist und sich seither fast 400.000 Mal verkauft hat: von Juli Zehs „Corpus Delicti – Ein Prozess“. Es ist Zehs erster und bislang einziger politischer Roman, hervorgegangen aus einem Theaterstück, das die Autorin im Auftrag der Ruhrtriennale geschrieben hatte. Eine Zukunftsvision, die die Fragen der Gegenwart verhandelt und von einem Herrschaftssystem erzählt, der sogenannten „METHODE“, das Gesundheit absolut setzt.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die „METHODE“ ist bei Zeh die politische Antwort auf die Überzeugung, dass Gesundheit „das höchste Gut“ des Menschen sei. Aus der Vorstellung, der Mensch sei im Wesentlichen eine Körpermaschine, ein Stück biologisches Leben, das man verwalten, betreuen, verbessern muss, um seine Arbeitsfähigkeit und sein Wohlbefinden zu optimieren, folgt im Roman eine Politik, die vor allem auf Kontrolle und Steuerung von Lebensgewohnheiten basiert. Allerdings stört das in der Bevölkerung niemanden, und es darf auch niemanden stören. Alle wollen die Überwachung, liefern freiwillig Hygieneproben ab, verlassen nur mit Mundschutz das Haus, lassen sich sogar einen Chip unter die Haut pflanzen. Warum auch nicht? Was ist dagegen zu sagen, so das Gefühl der Mehrheit im Roman, wenn der Staat sich um die Sicherheit seiner Bürger sorgt, die Kontrolle dient doch guten Zwecken.

          Wie in „Der Circle“, dem vier Jahre nach „Corpus Delicti“ erschienenen Nahe-Zukunfts-Roman des amerikanischen Schriftstellers Dave Eggers über einen Internetkonzern, der den Menschen die totale Sicherheit verkauft (wenn Kinder einen Chip eingepflanzt bekommen, werden sie nicht mehr geschändet; wenn überall Kameras stehen, die mit dem Internet verbunden sind, wird es schwer für Verbrecher und andere Dunkelmänner), lässt Juli Zeh eine junge Frau gegen die neue Herrschaft antreten und die Frage nach der Freiheit stellen. Mia Holl heißt sie in „Corpus Delicti“ (Mae Holland nennt sie interessanterweise Eggers in „Der Circle“): „Ich entziehe einem Staat das Vertrauen, der besser weiß, was gut für mich ist, als ich selbst“, lässt die Autorin ihre Protagonistin elf Jahre vor Corona sagen. Was würde sie sie heute sagen lassen? Und was sagt Juli Zeh selbst?

          Gezielte Angriffe auf das Grundgesetz

          In dieser Woche ist ein neues Buch von Zeh erschienen. Es heißt „Fragen zu ,Corpus Delicti‘“, und allein der Erscheinungstermin legt nahe, dass es sich um einen Kommentar zur aktuellen Situation handeln könnte; um Zusammenhänge und Unterschiede zwischen der im Roman geschilderten „Gesundheitsdiktatur“ und den staatlichen Maßnahmen jetzt. Doch ist die Vermutung falsch. „Fragen zu ,Corpus Delicti‘“ ist kein Corona-Buch, das Juli Zeh jetzt schnell zusammengeschrieben hätte. Es ist ein älteres Projekt: Seit der Roman in die Buchhandlungen gekommen sei, erklärt die Autorin zu Beginn, hätten sie immer wieder Mails von Lesern erreicht, die ihr Fragen zu diesem Text stellten, der in vielen Bundesländern inzwischen auf dem Lehrplan für den Deutschunterricht stehe, teilweise sogar Abiturstoff sei. Diesen Schülern und Studenten wolle sie Antwort geben, aber auch jedem anderen Leser, „der sich vom rasanten Epochenwandel unserer Zeit betroffen“ fühle.

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