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Neuer Roman von Wondratschek : Altern ist nichts für Feiglinge

Barock, ungeschlacht, voll Lebensgier: Der Dirigent und Cellist Heinrich Schiff Bild: Getty

„Selbstbild mit russischem Klavier“, der neue Roman von Wolf Wondratschek, bietet viel mehr als nur eine Eigenbespiegelung des Autors.

          4 Min.

          Nun ist es heraus: „Es gibt nirgendwo so viele Dummköpfe wie unter Liebhabern der Musik. Ein Milieu, das einem zusetzen kann. Sie denken nur halbe Sachen.“ Wolf Wondratschek, der es ausplaudert in seinem neuen Roman „Selbstbild mit russischem Klavier“, denkt wohl gewiss lieber ganze Sachen, schreibt aber, wie hier, zuweilen nur halbe auf, zu denen sich dann der Leser – wie es schon Johannes Brahms von seinen eigenen Briefen behauptete – die andere Hälfte dazudenken muss. Denn wer hier was denkt, sagt oder ergänzt, Wolf Wondratschek, der Pianist Juri Suvorin (halbwegs frei erfunden) oder der Cellist Heinrich Schiff (den gab es wirklich), das muss der Leser sowieso selbst herausfinden. Wenn er es denn schafft. Einfach ist das nicht, aber, das sei gleich dazugesagt, auch nicht anstrengend und schon gar nicht entscheidend. Wenn man einmal mitgerissen wurde und einen die Sympathie mit diesem erfahrungssatten, äußerst liebenswürdigen Buch erfasst hat, spielt das ohnehin keine Rolle mehr.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Von der ersten Seite des Romans an geraten nämlich Subjekt und Objekt des Erzählens ins Flimmern. Ein namenloses Ich trifft in einem Wiener Kaffeehaus unserer Tage den russischen Pianisten Juri Suvorin. Wer da aber über wen redet in den resignierten Satzfetzen, die durch den Fluss der Sprache treiben wie das Interieur eines unterspülten, eingestürzten Hauses, ob ich über ihn spricht oder er über sich als ich mit ihm, also dem Ich, das ihn im Kaffeehaus trifft, das ist in den Strudeln der Perspektivwechsel bald nicht mehr auszumachen.

          Kindheit in Russland

          Der Titel „Selbstbild mit russischem Klavier“ legt nahe, dass Wondratschek in einem autofiktionalen Spiel auch über sich selbst schreibt. Am 14. August wurde er 75 Jahre alt. Über Suvorin erfahren wir, er sei beim Tod der rumänischen Pianistin Clara Haskil – also 1960 – fünfzehn Jahre alt gewesen, also Jahrgang 1945. Doch wenn schon auf der dritten Seite die Erinnerungen an das Idyll einer Kindheit in Russland enden mit dem Satz „Dann kamen die Deutschen“, wird das Verhältnis von Figur und Geschichte so unscharf wie die Welt vor den Augen eines Kurzsichtigen, der die Brille absetzt.

          Schlampigkeit des Schreibens ist das nicht, sondern Absicht, denn das Gleiten der Zeit in den Erzählungen des Alters wird hier ausdrücklich zum Thema: „So war das mit Suvorin. Mit ganz wenigen, sehr langsam gesprochenen Sätzen macht er Kinder erwachsen, aus einem Jungen wird ein Mann, aus dem Mädchen eine Frau, aus beiden etwas, das alle üblichen Mängel einer Liebesgeschichte aufweist.“

          Suvorin, der bei einem Verkehrsunfall erst kürzlich seine Frau verlor und dem nun langsam die Kontrolle über seine Wohnung wie über sein Leben entgleitet, wird als Russe vorgestellt mit allen Klischees, die man im Westen mit Russen so in Verbindung bringt: ihre Nähe zum Alkohol, ihr Heimweh im Ausland, ihre übergroße Liebe zur Musik. Aber Wondratschek, das merkt man bald, verfügt über Innenansichten des Milieus, die ihn vor Sentimentalität und Exhibitionismus lebensklug zurückschrecken lassen. Mit ebenso diskreter wie abgeschrammter Ironie schildert er sogar, wie sich ein russischer Komponist das Vorurteil einer reichen Deutschen, „Russen seien im Bett zu allem fähig“, zunutze zu machen weiß.

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