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Neuer Roman von Sven Regener : Lenin mit h - die spinnen doch!

  • -Aktualisiert am

Abschied von Herrn Lehmann: Sven Regener Bild: dpa

Sven Regener lässt seinen Helden zum Abschluss seiner „Lehmann-Trilogie“ in Berlin ankommen. Die Großstadtangeberei kann seiner norddeutsche Lakonie nicht standhalten. Regener erzählt in „Der große Bruder“ gewohnt souverän von einem guten Kerl in einer großen Stadt.

          Der erste Satz ist kurz, keine Zeile lang: „Irgendwann war es so dunkel, daß Wolli schwieg.“ Der zweite, dessen erstes Wort („Frank“) die erste Zeile abschließt, geht über die restliche Seite. Was soll das, fragt man sich, will hier einer Kleist spielen? Das wäre einem Schriftsteller wie Sven Regener vermutlich zu albern; albern in dem Sinne, dass er nicht wüsste, wozu er einen fremden Ton nachahmen sollte, wo er doch einen eigenen hat.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Der sogenannte Regener-Sound, der seit dem sehr gut verkauften Romandebüt „Herr Lehmann“ (2001) nicht nur popaffinen Lesern angenehm in den Ohren klingt, zeichnet sich kaum durch Komplexität aus als vielmehr dadurch, dass an manchen Stellen, an denen ein Komma steht, auch ein Punkt oder ein Semikolon stehen könnte. Ein guter Trick: einfach so tun, als hätte man auch die Hypotaxe drauf. Aber der zweite, parataktische Satz des dritten Sven-Regener-Romans ist in Wirklichkeit gar keiner; es sind, mindestens, sechs Sätze, die durch Kommata miteinander verbunden sind und so ein Ganzes ergeben.

          Norddeutsch-verwaschen, gründlich-entschlossen

          Darin steckt Regeners Verfahrenstechnik: Der Erzähler erzählt zunächst, aber im Grunde nur mit dem ersten Satz. Dann macht er sich schon Frank Lehmanns Perspektive zu eigen und kriecht in dessen Kopf hinein. Das ist erzähltechnisch nicht ganz sauber; ein innerer Monolog oder erlebte Rede ist es nicht, aber es passt zu dieser norddeutsch-verwaschenen und, wenn Regener selbst vorliest, vernuschelten und dennoch präzisen Sprache, die ausdrückt, wie Lehmann die Welt wahrnimmt: Er ist nicht gerade ein kognitiver Revolverheld, sondern lässt die Dinge mit einer fast trägen Gründlichkeit auf sich wirken, um dann aber seine meistens richtigen Schlüsse daraus zu ziehen und die Sache mit sanfter Entschlossenheit in die Hand zu nehmen.

          Wolli schwieg also. Und was darauf folgt, liest sich so (es ist der zweite Satz): „Frank Lehmann bemerkte das erst gar nicht, weil er schon lange nicht mehr hinhörte, sondern schon kurz hinter der Grenze bei Helmstedt hatte er die Ohren auf Durchzug gestellt und sich aufs Fahren konzentriert . . .“ Auch wenn Frank Lehmann sich das Recht herausnimmt, auf Durchzug zu schalten - bei ihm selbst sollte man hinhören. Von Anfang an weiß er, dass die gemeinsame, im Jahre 1980 unternommene Fahrt in einem Opel Kadett von Bremen nach Berlin keine Reise ins Herz der Finsternis ist, auch wenn Wollis daraus ein geheimnisvolles Abenteuer macht. Die geteilte Stadt liegt im Novemberdunkel ziemlich unspektakulär da.

          Lenin mit h, das gibt es auch!

          Umstandslos wird die Quasselstrippe entlarvt: „,Lehnin!', rief Wolli und zeigte in die Dunkelheit, in der ein schmutziges, nichtreflektierendes Hinweisschild auftauchte, ,Lehnin! Mit h! Die spinnen doch!'“ Nicht nur Bremer Burschen im Bundeswehralter werden damals nicht gewusst haben, dass es einen Lehniner Platz und, südwestlich von Potsdam, ein Kloster Lehnin gibt. Jeder, der in der ausgehenden Breschnew-Zeit im Oberstufenalter war, kennt das Gerede von Leuten, die glaubten, man könne und dürfe, sobald man die Schule hinter sich hat, nur noch in Berlin wohnen. Wie Wesen von einem anderen Stern kamen sie einem dann vor, wenn sie im Westen zu Besuch waren.

          Regener, der Fachmann fürs Herunterkühlen, ironisiert diese Berlin-Angeberei ohne Gehässigkeit und lässt Wolli am Ende wieder abziehen, weil der merkt, dass er in Bremen besser zurechtkommt. Darin liegt die Humanität des Romans. Das erste Kapitel schließt: „Neues Leben hin, neues Leben her, dachte er, es sollte nicht mit der Fahrt durch einen langen, dunklen Tunnel beginnen. Oder vielleicht doch, dachte er, als in der Ferne die hell strahlende Grenzkontrollstelle auftauchte wie ein frisch gelandetes Raumschiff.“

          Geduldige Beobachtung

          Schon diese Einfahrt in den Osten, hinein in die Frontstadt des Westens gehört mit ihrer Ökonomie zu den Glanzstücken des Romans „Der kleine Bruder“, mit dem die Lehmann-Trilogie nun abschlossen ist. Er ist nicht der gewichtigste Teil und hat nicht die epische Kraft des Zweitlings „Neue Vahr Süd“; aber Regener beweist auch hier seine Meisterschaft in der unvoreingenommen geduldigen, sich aber nie in Details verlierenden Beobachtung.

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