https://www.faz.net/-gr3-101kr

Neuer Roman von Julian Barnes : Die glitzernden Augen im Dschungel

  • -Aktualisiert am

Das Sterben wäre nicht so schlimm, wenn man dann nicht tot wäre: Julian Barnes Bild: ASSOCIATED PRESS

Jedes neue Buch von Julian Barnes ist ein Ereignis. Dieses aber ist ein Erdbeben: „Nothing to be frightened of“, Julian Barnes' gewaltiges Buch über den Tod, ist soeben in Großbritannien erschienen. Eine passionierte Lektüre von Michael Maar.

          8 Min.

          Die Königspinguine sind ein possierliches Volk. Wie sie im Schneesturm zusammenrücken und einander beschützen, wie die Paare in Treue zusammenhalten und sich abwechselnd um ihr kostbares Ei kümmern, wie sie in ihren zu knappen Fräcken über kilometerlange Eisschollen watscheln, um zum Meer zu gelangen, ihrem Supermarkt - haben sie nicht fast etwas Menschenähnliches?

          Wenn sie auf dem Eis das offene Meer erreichen, beginnen die Pinguine allerdings plötzlich zu trödeln. Sie drängeln sich dicht zusammen, aber keiner will so recht der Erste sein, denn das Meer birgt neben der Nahrung auch Fressfeinde. Was passiert? Sie schubsen den Leichtsinnigsten oder Hungrigsten vorne an der Eiskante hinunter. „Hey, just testing!“

          Die Natur ist kein Idyll

          Julian Barnes erzählt dieses Detail in seinem neuen Buch mit einem gewissen Grimm. Die Pinguine mögen niedlich sein, aber auch bei ihnen heißt es fressen oder gefressen werden. Bilde man sich nur nicht ein, irgendwo in der Natur gehe es anders zu. Alle ihre Geschöpfe sind dem Tod verfallen, der wiederholungssüchtiger ist als eine Bruckner-Symphonie und mit keiner geringeren Ausbeute zufrieden als mit hundert Prozent. „Makes you think“, wie die Speisefische im Wasserbassin des Restaurants bei Monty Python's bemerken, als ihr Kollege serviert wird.

          Es vergehe kein Tag, hatte Thomas Mann bekannt, an dem er nicht an das Mysterium denke. Auch Julian Barnes denkt mindestens einmal täglich an den Tod; abends, wenn die Nacht hereinbricht, nach langen Fahrradtouren, aber auch bei Rugby-Übertragungen im Fernsehen und in regelmäßigen nächtlichen Panikattacken. Anders als dem Schopenhauer-Schüler ist ihm deutsche Romantik und Erlösungsmystik allerdings fremd. Seit seiner Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit mit dreizehn Jahren, dem réveil mortel, ist er, im strengen Sinn, nicht bei Trost. Als Schriftsteller, der die Herausforderung sucht, weicht er dem Blick in den Abgrund nicht aus, auch wenn die erhoffte Abstumpfung dadurch nicht eintreten will. Barnes grübelt nicht nur darüber nach, wann der letzte Besucher vor seinem Grab gestanden haben wird; vor allem schmerzt ihn die Vorstellung des irgendwann einmal unwiderruflich letzten Lesers.

          Sein zum Tode

          Nothing to be frightened of? Der Titel seines Buchs über den Tod nimmt bald eine eigenartige Färbung an - gefährlich glitzernd wie Raubtieraugen im Dschungel. Ist da wirklich nichts, vor dem man sich fürchten müsste? Oder ist es das Nichts, vor dem man sehr wohl Angst haben kann? Barnes ist mit dieser Angst nicht allein, er führt noch schlimmere Fälle auf. Wenn Rachmaninoff einmal über etwas anderes als den Tod reden wollte, waren seine Freunde perplex. Sibelius saß in seinem Hotel in Helsinki regelmäßig am Zitronentisch, an dem es nicht nur erlaubt, sondern geboten war, über den Tod zu sprechen (dessen chinesisches Symbol die Zitrone ist). Bei den Diners mit Edmond de Goncourt, Flaubert, Daudet und Zola war er das große Thema in aller Völlerei. Gläubig war unter ihnen niemand, und auch Barnes ist der Trost der Religion verwehrt, selbst wenn er sich mit den Jahren vom Atheisten zum Agnostiker gewandelt hat und Gott vermisst, obschon er nicht an ihn glaubt.

          Auch an den eigenen Tod kann man nicht glauben, und stünde er unmittelbar bevor. Zu diesem Schluss war Arthur Koestler gekommen, der in einer spanischen Zelle auf seine Hinrichtung gewartet hatte. Eher spaltet sich das Bewusstsein, als dass es seiner Vernichtung beiwohnt. Noch beim Leeren des Schierlingsbechers muss irgendetwas in Sokrates gehofft haben, das alles sei nur ein böser Scherz. Im „Dialog mit dem Tod“ schildert Koestler, wie er nach seiner überraschenden Freilassung im Flugzeug von einem frankistischen Piloten in ein Gespräch über die letzten Dinge verwickelt wird; um den Fluglärm zu übertönen, müssen beide schreien. Koestler ruft, nie vor dem Tod, immer nur vorm Sterben Angst gehabt zu haben. Der Pilot im schwarzen Hemd antwortet, bei ihm sei es genau umgekehrt.

          Weitere Themen

          „Parasite“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Parasite“

          „Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

          Topmeldungen

          Offensive in Nordsyrien : Erdogan verspottet Trump

          Der türkische Präsident verspottet nicht nur den deutschen Außenminister Maas, sondern auch den amerikanischen Präsidenten Trump für dessen Tweets. Verwirrung gab es über ein Treffen mit Vizepräsident Pence und Außenminister Pompeo in Ankara.
          Das Twitter-Fenster ist auch im Beruf bei vielen geöffnet.

          Die Karrierefrage : Was darf ich bei der Arbeit twittern?

          Von Trump bis zum einfachen Angestellten: Viele twittern während der Arbeit – und über sie. Das kann günstige Werbung sein oder ein PR-Albtraum. Chefs können wenig reinreden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.