https://www.faz.net/-gr3-a28hf

Neuer Roman von Iris Hanika : Das Leben, eine gejetlagte Phantasie

Frauen in Großstädten: Welche Sprache findet man für New York? Bild: AFP

Iris Hanikas neuer Roman „Echos Kammern“ erzählt von den Spiegelspielen des Narzissmus, in all seinen privaten und öffentlichen Varianten, die zumal in den Großstädten ihren fruchtbaren Nährboden haben.

          4 Min.

          Die Hauptrollen haben zwei Frauen Mitte fünfzig und – vielleicht – ein junger Mann um die dreißig. Alle drei tragen Namen – Sophonisbe, Roxana, Josh –, die aufgeladen sind mit Assoziationen, an die Mythologie, an die europäische Literatur und an die jüdisch-christliche Religion. Die muss man aber gar nicht kennen. Außerdem ist für die Konstruktion des schweifenden Romans eine erzählende, erläuternde Instanz nötig, hinter der man automatisch wieder eine Frau vermutet, eine Beobachterin zweiter Ordnung. Deren Stimme leitet das erste Kapitel ein und bleibt bis zum Schluss als Orientierungshilfe; das ist kunstreich gemacht von der Autorin.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Der Titel „Echos Kammern“, entliehen der Echokammer in den analogen Tonstudios, führt zugleich geradewegs in die Geschichte vom gnadenlos selbstverliebten Jüngling Narziss und der Nymphe Echo, die nur als sein Hallraum agieren kann. Das geht in Ovids „Metamorphosen“ für beide nicht gut aus, wie man weiß. Und von dort aus ist es, das führt Iris Hanika vor, nur ein kleiner Schritt zu den Spiegelspielen des Narzissmus, in all seinen privaten und öffentlichen Varianten, die zumal in den Großstädten ihren fruchtbaren Nährboden haben.

          Zentrierte Orte, zerrissene Subjekte

          Sophonisbe, eine von Berlin aus vagierende Schriftstellerin, fährt nach New York, um für sich Inspirationen zu sammeln, denn „sie hatte beschlossen, sich von der Lyrik ab- und der Prosa zuzuwenden“. Um der Gefahr eines weiteren einfach literarischen New-York-Reiseführers zu entgehen, erfindet sie eine Kunstsprache, ein Hybrid aus angelsächsischer Grammatik und Mimikry eines gebrochenen Deutschs. Passagen aus „Sophonisbes Manuskript“ über ihren Aufenthalt in New York sind immer wieder eingeflochten, wie „ich habe gesprochen zumeist in englische Sprache, welche ist sie nicht meine Muttersprache“. Und „es ist kein Unterschied, ob ich spreche mündlich oder ob ich mache schriftliche Mitteilung, und deswegen, wenn ich denke an Stadt New York, ich falle in Sprache mit Akzent auch in meine eigene lengevitch“. Und gleich am Beginn ihres Aufenthalts gerät sie im Stadtteil Tribeca in eine Party, auf der ein Hofstaat aus wunderschönen Menschen und Engeln die schwarze Pop-Königin Beyoncé zelebriert. Das Leben, ein Traum? Oder eine gejetlagte Phantasie?

          Iris Hanika bei einer Lesung im Frankfurter Literaturhaus im Jahr 2009.
          Iris Hanika bei einer Lesung im Frankfurter Literaturhaus im Jahr 2009. : Bild: Claus Setzer

          Jedenfalls schildert die Flâneuse Sophonisbe ihre Impressionen. Das hat einen gewissen Reiz, entkommt aber nicht ganz dem, was New York eben so bereithält. Ihre Studien sind leicht übertragbar auf Berlin, auf die Metamorphosen der Stadt, seit der Fall der Mauer neue Räume aufgerissen hat und die einstigen „Brachen“ mit Investitionskapital auffüllt. Sophonisbe findet solche Zustände gründlich verabscheuungswürdig, zumal ihre eigenen Kieze davon bedroht sind. Das ist die eine Erzählung des Buchs: Sie handelt von den Metropolen, jenen zentrierten Orten, die von zerrissenen Subjekten (wie wir alle sie doch sind) bevölkert werden – im schlimmen Fall von „fiktiven Subjektivitäten“, die mit ihrem zu vielen Geld Schuld an der Gentrifizierung einstiger urbaner Biotope haben.

          In New York ist Sophonisbe in einem Café Josh wiederbegegnet, einem der Schönen aus Beyoncés Entourage. Joshs höflich interessierte beflissene Freundlichkeit, sein „olympisches Strahlen“ trifft auf ihre direkte emotionale Abwehr. Auf Umwegen über ihre New Yorker Freunde fügt es sich aber, dass Josh kurz nach ihrer Rückkehr auch in Berlin für einen Zwischenstopp auftaucht, um Deutsch zu lernen, ehe er für seine universitären Studien in die Ukraine weiterreist. Sophonisbe ist als Untermieterin bei der gepflegten Roxana in der Mommsenstraße eingezogen, die eine Menge Geld mit Ratgebern für alle Lebenslagen (zum Beispiel „Über den Umgang mit Verrückten und Wütenden“) verdient hat und jetzt nicht so genau weiß, wie es weitergehen soll mit ihrer luxuriösen Single-Existenz. Sophonisbe bringt Josh mit in die gemeinsame Wohnung – wo Roxana gleich im ersten Moment seiner Schönheit verfällt.

          Weitere Themen

          Sie weiß, was sie will

          Deutsche Emmy-Gewinnerin : Sie weiß, was sie will

          Maria Schrader wurde als erste deutsche Regisseurin überhaupt bei den Emmy Awards ausgezeichnet. Dabei ist sie doch eigentlich Schauspielerin. Wie hat sie das geschafft? Unsere Autorin hat sie wenige Tage vor der Verleihung getroffen.

          Topmeldungen

          Besucherinnen bei der Kampagnenveranstaltung Donald Trumps Mitte September in Phoenix.

          Wahlkampf in Amerika : Mein Latino, dein Latino

          Amerikas Demokraten haben im Wahlkampf Arizona, einst eine republikanische Bastion, im Visier. Der demographische Wandel ist auf ihrer Seite. Doch Donald Trump hält dagegen.
          Bas Dost traf für die Eintracht zum 2:0.

          3:1 bei Hertha BSC : Die starke Eintracht stürmt auf Platz eins

          Hertha BSC wollte den Schwung vom Auftaktsieg mitnehmen. Der Plan geht gewaltig nach hinten los. Frankfurt verliert zwar früh einen Spieler, nutzt aber die Torchancen – und steht vorerst an der Tabellenspitze.
          Pandemie in der Luft: Eine Flugbegleiterin auf einem Flug von Kairo nach Scharm al Scheich

          Reisewarnungen wegen Corona : Wie wird eine Region zum Risikogebiet?

          Das Auswärtige Amt tüftelt an den neuen Regeln für Reisen während der Corona-Pandemie. Einige Warnungen könnten wegfallen. Aber das ist kein Grund für allzu große Freude mit Blick auf Herbst- und Winterferien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.