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Neuer Roman von Ingo Schulz : Tausend Prozent Zinsen? Wenn’s weiter nichts ist!

Neunmalkluger Anwalt mit dubioser Vergangenheit

Wer jedoch Peter Holtz’ Sympathie findet, für den fällt auch ein bisschen von dessen Glück ab. So etwa für Joachim Lefèvre, einen Rechtsanwalt, dem mit der Unterstützung von Holtz der Aufstieg zum Vorsitzenden der ostdeutschen CDU-Blockpartei und zum letzten Ministerpräsidenten der DDR gelingt. Ein Leserschelm, wer bei diesem Namen ein reales Vorbild erkennen will. Oder bei einem neunmalklugen anderen Anwalt mit dubioser Vergangenheit, der die SED zur PDS umbaut. Schulze mischt in seinem Roman fröhlich Pseudonyme mit Klarnamen. So tritt etwa Theo Lehmann, der als Staatsfeind eingeschätzte Landesevangelist der Evangelischen Kirche Sachsens, als er selbst auf und tauft Peter Holtz.

Denn wie gerade erst auch Ulla Hahn in ihrem neuen Roman „Wir werden erwartet“  nimmt Ingo Schulze in „Peter Holtz“ die Parallelen zwischen sozialistischem und religiösem Wunderglauben in den Blick. „Was du sagst, weiß ich doch, immer dasselbe: Verantwortung, Sozialismus, Weltrevolution und Jesus Christus“, beklagt sich eine Freundin. Denn Peters Credo lautet: „Der Kommunismus ist nur die andere Seite des Christentums. Mit dem Glauben verfüge ich über ein zweites Standbein.“ Und tatsächlich steht dieser Peter Holtz felsenfest in all dem Wirbel, den friedliche Revolution, Beitrittsverhandlungen und Wiedervereinigung erzeugen. Und danach, man höre und staune, als Kapitalist in der Bundesrepublik, der einfach daran glaubt, dass ihm ein russischer Kreditnehmer die zugesagten tausend Prozent Zinsen schon zahlen wird. Und so geschieht es auch.

Ins Leben zurückgeredet

Es muss Ingo Schulze einen Heidenspaß gemacht haben, diesen tiefgläubigen Peter Holtz beschrieben zu haben. Dem Roman merkt man das an, er sprüht vor geistvollen Dialogen, einfallsreichen Überraschungen und sarkastischen Seitenhieben. Dabei kommt die Form nicht zu kurz. Abgesehen von der strengen Übernahme des barocken Romangerüsts, variiert Schulze auch die Erzählperspektive, wenn es nötig ist. So kommen abwechselnd die Menschen aus Peters Umkreis als Erzählstimmen zu Wort, als der eigentliche Ich-Erzähler nach einem Unfall im Koma liegt, und doch ist es weiterhin seine Wahrnehmung, an die sich diese absatzlos vorgetragenen Suaden richten, auf dass er ins Leben zurückgeredet werde.

Erzähltempo- und -rhythmusvariationen durch wechselnde Kapitellängen sind ein weiteres probates Mittel in Schulzes Roman: Wird das sich überschlagende Jahr 1989 in 23 Kapitel gefasst, deren längstes gerade einmal sechs Seiten umfasst, während die meisten kaum drei erreichen, findet die nach der Einführung der D-Mark im Sommer 1990 erst einmal eintretende Beruhigung der Lage ihren Ausdruck in viel längeren Abschnitten. Schulze hat die erzählte Zeit in jeder Hinsicht im Griff.

Ingo Schulze: „Peter Holtz“. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst. Roman.Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2017. 574 S., geb., 22,– .

Holtz dagegen hat außer seinen Idealen nichts im Blick: „Wir werden den Schwung unserer Revolution nutzen und im Zuge der Annäherung eine grundlegende Wandlung in der BRD bewirken.“ Doch seine Naivität hält ihn auch in der Marktwirtschaft über Wasser, zumal er dann im Eigentum ein drittes Sanctum erkennt, ohne dass er Sozialismus und Gottesglauben opferte. Im Grunde genommen ist Peter Holtz am Ende des Romans der Traum einer deutschen Parteiprogrammatik: christlich-sozial. Sein revolutionäres Geburtsdatum erweist sich schließlich als Irrtum. Aber er erkennt auch, dass Geld das Herz schneller hart macht als kochendes Wasser ein Ei.

„Wer seinen Platz in der Gesellschaft gefunden hat, findet auch früher oder später sein Glück“, resümiert der Titelheld kurz vor Schluss. Wir Leser haben das unsere bereits bei seiner Suche gefunden. Weil wir diesem kleinen Mann das Abbild einer großen Zeit verdanken, das der Literatur angemessen ist: als Lustspiel. 24 Jahre des Lebens von Peter Holtz und neunzehn ereignisreiche deutsche Jahre seither lassen sogar die Hoffnung zu, dass Ingo Schulze noch gar nicht auserzählt hat. Wäre das ein Glück!

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