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Neuer Roman von Bernhard Schlink : Gruppenbild mit Muse

Gerhard Richters Gemälde „Ema“ von 1966 diente Bernhard Schlink als Vorlage für seine Frau auf der Treppe. Bild: ddp images/Philipp Guelland

Ein Maler, ein Bankier und ein Rechtsanwalt: In Bernhard Schlinks Roman „Die Frau auf der Treppe“ kämpfen drei Männer um ein Gemälde und um die Frau, die es zeigt. Kann der Schriftsteller mit der Kunst des Malers mithalten?

          Drei Männer, ein Maler, ein Bankier und ein Rechtsanwalt, sitzen in einem Strandhaus auf einer Insel vor der Goldküste Australiens und reden über ein Bild. Ein Gemälde und die Frau, die es zeigt. „Frau auf einer Treppe“. Ein Aktbild. Der Maler und der Bankier wollen das Gemälde, das inzwischen in der Art Gallery in Sydney hängt, an sich bringen, der eine, weil er es gemalt, der andere, weil er es besessen hat. Der Anwalt will nur noch die Frau, die er einmal geliebt, für die er fast sein Leben weggeworfen hat. Die drei streiten sich, der Maler beschimpft den Bankier als Bierdeckelsammler, der Bankier den Anwalt als Lakaien. „Dann kam Irene die Treppe herunter.“ Auch sie ist also mit dabei, die Frau, um die sich alles dreht, die einst geliebte und begehrte, jetzt an Krebs dahinsiechende, eine sterbende Göttin in ihrem australischen Elysium.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die vier gehören zu einer Generation, mit der Bernhard Schlink sich auskennt, weil er zu ihr gehört: den Achtundsechzigern, deren Leben und Leiden noch immer den Stoff für Dutzende neuer Romane abgibt, vielleicht ebendeshalb, weil es jetzt weit genug zurückliegt, um ohne Einspruch der Wirklichkeit literarisch durchgeknetet zu werden. Und sie bilden eine Konstellation, die der Erzähler Schlink schon öfter beschworen hat, in seinem Roman „Das Wochenende“ etwa, den Nina Grosse im vergangenen Jahr einfühlsam verfilmt hat, oder in der Geschichte „Der Andere“ aus dem Band „Liebesfluchten“, in welcher der Tod einer Frau zwei vollkommen gegensätzliche Männer, einen Beamten und einen Bankrotteur, zusammenbringt.

          Aber diesmal funktioniert es nicht. Diesmal bleibt das Gruppenbild steif und steril, schlägt die Konstellation keine Funken, und das liegt nicht daran, dass Schlink sie nicht penibel konstruiert hätte. Es liegt daran, dass er sie nur konstruiert, ausgedacht, passgerecht zusammengesetzt, aber nicht mit Leben erfüllt hat.

          Provinzgaleristenprosa

          Die Kürze von Schlinks Büchern ist oft lobend hervorgehoben worden; hier wird sie zum Makel, weil an die Skelette der Figuren kein Fleisch anwächst. Der Anwalt beispielsweise, aus dessen Perspektive das Geschehen erzählt wird, ist ein reines Abziehbild, ein Wiedergänger der vielen Richter, Professoren und anderen Staatsdiener, die der Rechtsprofessor Schlink in seinen Büchern geschildert hat: ein Kopfmensch, der sich nach Ekstase sehnt, nach Rausch, Entgrenzung, Abenteuer, und dem die Künstlermuse Irene dafür gerade recht kommt. Und der Maler Schwind und der Banker Gundlach sind nicht besser, der eine das Stereotyp des reichen, satten, kunstmarktgerechten Konfektionärs, der andere ein Großmaul, dessen Zunge mit Geldscheinen gepflastert ist.

          Am überzeugendsten ist noch das Bild abgekupfert, um das sich in dem neuen Roman alles dreht und dessen Vorlage Schlink in Gerhard Richters „Ema. Akt auf einer Treppe“ gefunden hat. Aber da liegt auch schon, gleich auf der ersten Seite, der zweite Haken dieses überkonstruierten Buches. Es ist seine Sprache. Die Frau auf der Treppe, „nackt, blass, blond“, komme, so Schlink, dem Betrachter „mit schwebender Leichtigkeit entgegen“, zugleich aber habe sie mit ihren runden Hüften und festen Brüsten „sinnliche Gewichtigkeit“.

          Das ist - nichts gegen Galerien auf dem Land - Provinzgaleristenprosa. Ein andermal wirkt der Stilwille des Psychologen Schlink überkandidelt: „Ich war gekränkt, weil ich es gut gemeint, und ärgerte mich, weil ich es dumm angestellt hatte.“ Dass der Anwalt in der nächtlichen Stille auf der Insel nicht horcht, sondern penetrant „aufmerkt“, mag man als altfränkische Schrulle abtun, aber es ist typisch für die Unbeholfenheit, die oft aus Schlinks Erzählerstimme spricht.

          Überspannt und resigniert

          Die Handlung überspannt vierzig Jahre und den weiten Raum vom Finanz- und Kunstplatz Frankfurt samt Villa im Taunus bis in die australische Wildnis. In Rückblenden erfahren wir, wie Gundlach, Schwind und unser Anwalt einst zusammenkamen: Der Maler wandte sich an den Juristen, um durch ihn den Zugang zu seinem Treppenbild zu erzwingen, den ihm Gundlach, der Schwind schon dessen Freundin und Modell Irene ausgespannt hatte, verweigerte; und unser Mann hatte nichts Besseres zu tun, als sich in Irene zu verlieben und sich zum willfährigen Werkzeug ihrer Flucht in den linksradikalen Untergrund machen zu lassen.

          Es gibt aber auch eine Art Vorausblende in der Geschichte, den Traum unseres Helden von einer Reise mit Irene in den amerikanischen Westen, einem nie gelebten Leben grenzenloser Freiheit. Da dampfen dann die Kühltürme hinter den Maisfeldern, die Obstbäume blühen rosarot, und aus dem Radio dringen „eingängige Lieder um Frauen und Liebe, einfache Balladen um Kampf und Tod“. Auch hier also wieder das mühsame Ringen um sprachlichen Ausdruck, der erzählerische Sprung, der auf Hemingway und Faulkner zielt und knapp unterhalb von Hermann Hesse landet.

          Vor fünfzehn Jahren, als Bernhard Schlink nach dem Welterfolg seines „Vorlesers“ auch mit „Liebesfluchten“ in den Bestsellerlisten stand, konnte man ihn für den kommenden Mann der deutschen Literatur halten. Inzwischen hat man den Eindruck, dass er den Kreis seiner Themen ausgeschritten und sein Talent ausgeschöpft hat. „Die Frau auf der Treppe“ wirkt zugleich überspannt und resigniert, wie eine kühne Vorzeichnung zu einem Bild, das am Ende misslingt. Der Maler hat es besser gemacht. Die Literatur hat das Nachsehen.

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