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Neuer Krimi von Friedrich Ani : Schuld, Schweigen, Schwermut

In Friedrich Anis Roman „Der namenlose Tag“ ist nicht nur der Name einer Figur winterlich. Am besten liest man den Krimi im Hochsommer. Bild: dpa

Er ist beharrlich und scheut sich nicht, die Angehörigen der Toten auch mal in den Arm zu nehmen: Friedrich Anis neuer Ermittler Jakob Franck kommt ohne einen straffen Spannungsbogen aus.

          Sieben Stunden lang hat er sie umarmt. Sieben Stunden lang hat er mit der Frau erst im Flur, dann in der Küche gestanden, schweigend, unterbrochen nur von ihrem zwei- oder dreimal wiederholten Satz: „Sagen Sie, dass es nicht wahr ist.“ Sieben Stunden lang, nachdem er der Frau die Nachricht vom Selbstmord ihrer siebzehnjährigen Tochter überbracht hatte. Zwanzig Jahre ist das her, die Frau hat ein Jahr nach der Tochter ihrem Leben ein Ende gesetzt, und Jakob Franck, der ehemalige Kommissar, hat nie mit jemandem über diese Nacht gesprochen.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Er ist seit zwei Monaten im Ruhestand, als der Roman einsetzt, und er wird an diese Nacht und die Todesfälle erinnert, weil der Vater und Ehemann plötzlich bei ihm auftaucht. Ein gebrochener Mann, der Winther heißt, „in dessen Namen es unaufhörlich schneit“, ein Verzweifelter, der Franck davon überzeugen will, dass seine Tochter damals umgebracht worden sei. Er kommt einem vor wie ein Gespenst, wie jene Geister aus alten Fällen, die Franck regelmäßig heimsuchen. Er bietet ihnen dann Kekse an.

          Der Ermittler als weltlicher Seelsorger

          Jakob Franck ist ein neuer Held im Werk von Friedrich Ani. Wer sich für Kriminalromane interessiert, dem muss man nicht erklären, wer Ani ist. Einer der produktivsten Autoren, der mehr als ein Dutzend Mal den Kommissar Tabor Süden vermisst gemeldete Menschen hat suchen lassen, der zahlreiche Drehbücher geschrieben hat, unter anderem für Dominik Graf, dazu Lyrik, Hörspiele, Jugendromane. Ani, inzwischen sechsundfünfzig Jahre alt, hat, im Gegensatz zu vielen seiner Genre-Kollegen, einen eigenen Stil, man erkennt ihn sofort inmitten der besseren Gebrauchsanweisungsprosa an dem leichten Mundarteinschlag, an dem Klang, welcher an gesprochene Sprache erinnert, ohne sie einfach nachzuahmen.

          Ani versteht den Kriminalroman auch nicht als Plotmaschine, sondern als eine Perspektive, als ein seismographisches Instrument, mit dessen Hilfe sich etwas über die Gegenwart erfahren lässt, über „das Drama des in seinem Lebenszimmer gefangenen Menschen“. Sein Erzähltempo ist deshalb auch eher verhalten, bisweilen schleppend, weniger fixiert auf den straffen Spannungsbogen. Er folgt den Um- und Abwegen seiner Figuren, den Sackgassen, in die sie geraten, den Ideen, in die sie sich verrennen. Jakob Franck, der uns nun in „Der namenlose Tag“ zum ersten Mal begegnet, muss man als einen zutiefst weltlichen Seelsorger bezeichnen. Bereits als aktiver Polizist war er es, der den Angehörigen die Todesnachricht überbrachte, und sein Impuls, die Trauernden in den Arm zu nehmen, hat sich im Ruhestand nicht verflüchtigt.

          Alltägliches Unglück und verkorkste Lebensläufe

          Er ahnt, dass seine Umarmungen kein Ausdruck reinsten Altruismus sind, dass er selbst Trost und Nähe sucht, nicht erst, seit seine Ehe gescheitert ist. „Er betrat nicht nur ihr Weltall der Verlorenheit, er kehrt in seines heim“, schreibt Ani, der mitunter mit etwas zu viel Pedal arbeitet und dem die Lebensumstände seiner Figuren dann fast zu Chiffren einer existentiellen Obdachlosigkeit werden.

          Weil Franck nicht anders kann, rollt er den Selbstmordfall von Esther Winther noch einmal auf, spricht mit altgewordenen Freunden von damals, mit Menschen, die Esther kannten, und taucht so ein in das ganz alltägliche Unglück von Familien, in verkorkste Lebensläufe, in die kleine Vorstadtwelt, wo München gar nicht schick und südlich ist. Weil er beharrlich ist, findet Franck auch etwas heraus. Man sollte das nur nicht mit der Lösung eines Falles verwechseln. Es ist eine Geschichte von Schuld und Schweigen, von Gleichgültigkeit, Aufbegehren, Verdrängung und von einer Schwermut, die unter den Figuren grassiert wie ein Virus.

          Es ist vielleicht gut, ein solches Buch im Hochsommer zu lesen. Wenn man es beiseitelegt, dann scheint draußen wenigstens die Sonne.

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