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Gedichte über das Alter : Neue Perspektiven zur Selbsterkenntnis

  • -Aktualisiert am

Ein älteres Ehepaar sitzt am Ostallgäuer Hopfensee bei Füssen. Bild: Picture-Alliance

Farbenfroh in der Jugend und farblos im Alter? Helmut Bachmaiers Gedicht-Anthologie über das Altwerden eröffnet neue Perspektiven zur Selbsterkenntnis. Dabei verliert sich der Band nicht in nihilistischer Hoffnungslosigkeit.

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          Zahlreich sind die Anthologien mit Liebesgedichten aus aller Welt, eine Seltenheit hingegen und deshalb überraschend ist eine mit „Gedichten über das Alter“, wie Helmut Bachmaier sie gesammelt hat. Das Liebesgedicht ist die Gabe an eine Frau, und so lässt sich eine Sammlung solcher Kniefälle, schön gedruckt, auch als Gastgeschenk für eine Dame denken. Wäre es aber vorstellbar, dass ein Mann, ob jung oder alt, einer Verwandten beim Besuch eine Anthologie von Alterslyrik überreichte? Sie muss sich diesen Band selbst kaufen, und das sollte sie auch tun, denn er führt nicht nur die Selbsterkenntnis des Menschen vor angesichts seiner Vergänglichkeit, sondern eröffnet auch viele Perspektiven auf das, was Lyrik vermag, um menschlicher Erfahrung, sei es Liebe, sei es Alter, eine einprägsame Form zu geben.

          Eindeutig ist, so zeigt Bachmaiers Sammlung, die Haltung dem Alter gegenüber nicht, doch wiederholen sich die variablen Stimmungen und Weisheiten des Alters in allen Epochen und Kulturen. Der Band ist deshalb weder chronologisch noch geographisch gegliedert, sondern, den „Profilen von Alterungsprozessen“ folgend, in Kapitel mit „Alterslob“, „Altersklage“, „Altersgroteske“, „Altersprotest“, „Altersnarzissmus“.

          Eine Anthologie ist die Folge einer Suche nach Perlen einer Gattung, und diese Perlen machen die Sammlung von Liebesgedichten so begehrt. Die Lyrik über das Alter aber leistet mehr. Sie darf über das Alter reden, wie man darüber in der Öffentlichkeit kaum je und vorsichtig selbst unter Freunden spricht. Erst die Schönheit der Worte, Rhythmus, Melodie und Musik der Sprache erlauben auszusprechen, worüber man lieber schweigt: die Erkenntnis von Verfall und Untergang.

          Ein konstanter Tenor

          Freilich klingen die spröden Töne des Altseins ganz anders als die Seufzer der Liebe. Auch wenn die „Altersliebe“ in diesem Band zu finden ist, so bleibt dabei in allen Versionen der Tenor konstant, den das früheste Beispiel des verliebten Alten anschlägt. Der alte Anakreon bekennt seine Liebe zu den Mädchen (oder sind es Knaben?) und sieht seine Sehnsucht von ihnen verspottet: „Du bist ja alt, Anakreon. / Sieh her! du kannst den Spiegel fragen / Sieh, deine Haare schwinden schon; / Und von den trocknen Wangen / Ist Blut und Reiz entflohn.“ Der Trotz des Anakreon, der behauptet, „daß ein Greis, / Sein Bißchen Zeit noch zu genießen, / Ein doppelt Recht hat, euch zu küssen“, wird allerdings durch genug andere Gedichte liebestrunkener Alter ad absurdum geführt. Die Altersliebe mündet nur allzu oft in Klage und Melancholie, auch wenn es sich um ein Paar handelt, das glücklich liebt wie etwa bei Günter Herburger: „Seitdem wir uns aber geeinigt haben / zusammen alt zu werden, / verwandelt sich die Liebe in Behutsamkeit, / und das Blut, das ... aus Rissen quillt, schmerzt / Tropfen um Tropfen wie heißes Wachs.“

          Helmut Bachmaier (Hrsg.): „Zurücktreten aus der Erscheinung“. Gedichte über das Alter. Wallstein Verlag, Göttingen 2021. 255 S., geb., 20,– €.
          Helmut Bachmaier (Hrsg.): „Zurücktreten aus der Erscheinung“. Gedichte über das Alter. Wallstein Verlag, Göttingen 2021. 255 S., geb., 20,– €. : Bild: Wallstein

          Die lyrischen Situationen der Liebe und des Alters sind schwer zu vereinen. Der Unterschied ist einer der Erscheinung, denn das Gedicht spricht vom Herzen nur, wo es einen Widerschein im Körper hat. Jung und Alt unterscheiden sich im Gedicht durch Haut und Haar, die Jugend, die liebt, und das Alter, das resigniert, haben verschiedene Farben. In Liebesgedichten leuchtet das Auge blau, die Haut schimmert wie Perlmutt, der Mund verführt durch Rosenrot; die Alterslyrik verschattet diese Farben ins Graue, Rostige, Verwelkte. Nicht braungebrannt, wie die Hirtin, ist der Alte im Gedicht Hermann Brochs, sondern „graugebrannt“. Glätte und Glanz stehen gegen Falten und Runzeln. Kosmetik, so legt der Vergleich der Gedichte über Liebe und Alter nahe, ist die Anstrengung des Menschen, das Gesicht lyriktauglich zu erhalten. Der Titel des Bandes erfasst daher treffend den Zustand des Alterns als „Zurücktreten aus der Erscheinung“.

          „Kein Wesen kann zu Nichts zerfallen“

          Die Register allerdings, die die Lyrik zieht, um Erfahrungen des Alters auszudrücken, sind reichhaltiger und variabler als die der Liebeslyrik. Das Repertoire der Stimmungen und Gefühle reicht von Hölderlins Hoffnung in dem bekannten Vers „Friedlich und heiter ist dann das Alter“ bis zu Niklas Stillers, des dichtenden Mediziners, wütender Verzweiflung über Krankheit und Zerfall: „Diese Gerüche, / dieses Stöhnen, / diese Schreie ... Das sind wir auch.“

          In solch nihilistischer Hoffnungslosigkeit lässt Bachmaier seinen Band nicht ausklingen. Vielmehr beendet er ihn in der letzten Abteilung „Lebensbilanz“ mit dem gelassenen Rückblick Goethes und dessen pastoraler Beschwichtigung im Gedicht „Vermächtnis“: „Kein Wesen kann zu Nichts zerfallen.“ Bachmaier macht Goethe, dessen „Altersstil“ das neunzehnte Jahrhundert hoch verehrte, zum Mittelpunkt seines Nachworts. Eher allerdings richtete sich die Aufmerksamkeit der Leser auf die Prosa des alten Goethe, etwa die Novelle „Der Mann von funfzig Jahren“, und diese Neigung zur Erzählung über den alten Mann und das Mädchen reicht über Italo Svevo bis zu Martin Walser. Bachmaier hätte auch mit jenem Goethe enden können, der sich in der Eile, die der Aphorismus fordert, so manchen Zynismus erlaubt, wenn er, ähnlich dem Anakreon, feststellt: „Der Rost macht erst die Münze wert.“

          Die Anthologie lässt sich also auch als historisches Dokument eines Bewusstseinswandels lesen, wie er im neunzehnten Jahrhundert einsetzte, der das, was sich bis dahin nur verschwiegen im privaten Gedicht aussprach, aus der Verborgenheit hervorholt. Allerdings fehlen in Bachmaiers Band gerade die schönsten Gedichte über das Alter, etwa Walthers von der Vogelweide „Owe war sint verswunden alliu miniu jar“. Des Herausgebers Schuld jedoch ist es nicht, wenn Victor Hugos „L’Art d’être grand père“ fehlt. Einst hat man in Deutschland alle Werke des Romanciers übersetzt und begeistert gelesen, nie aber dieses poetische Werk, denn es erschien 1871, im Jahr der deutsch-französischen Feindschaft. Den charmanten Ton eines Großvaters aus dem neunzehnten Jahrhundert vermag aber heute kein Übersetzer mehr zu treffen. Dabei wäre gerade jetzt, der Großvater, der seine unsicheren Schritte dem Trippeln des Enkels anpasst, die positive Leitfigur des alternden Menschen, hätte doch ohne seinen Beistand die berufstätige Tochter oft keine freie Minute. Nicht Goethes Altersweisheit, sondern die sehr irdische „Kunst, Großvater zu sein“ verspricht den zeitgemäßen Ausblick auf ein Glück im Alter.

          Helmut Bachmaier (Hrsg.): „Zurücktreten aus der Erscheinung“. Gedichte über das Alter. Wallstein Verlag, Göttingen 2021. 255 S., geb., 20,– €.

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