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Paul Celan, aufgenommen 1963 Bild: ddp Images

Paul Celans Briefe : Genie und Alltag

  • -Aktualisiert am

Zeitreise in Briefen: Barbara Wiedemann hat einen Querschnitt aus Paul Celans umfangreicher Korrespondenz ediert. Identifiziert wird die Geliebte „Hannele“.

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          Den Weg der Anpassung bin ich nie gegangen, habe mich nie in Autor und Privatperson aufgespalten“, heißt es in einem jetzt erstmals gedruckten Briefentwurf Paul Celans an die rumänische Bekannte Nina Cassian vom April 1962, also auf dem Höhe- oder vielmehr Tiefpunkt des tragischen Zerwürfnisses zwischen dem wohl wichtigsten deutschsprachigen Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts und einem großen Teil des Literaturbetriebs. Das Beharren auf Integrität mag erklären, warum Celan, hochgradig sensibel für tatsächliche oder vermeintliche Obertöne, selbst stilistische Kritik als Angriff auf seine Person und jüdische Identität wertete: Rechte wie Linke hätten sich „zusammengetan . . ., um mich zu hassen“, schreibt er weiter. Die erste zitierte Aussage aber stimmt: Bei diesem Autor sind Werk und Biographie, komplexe Lyrik und komplexe Persönlichkeit besonders eng verschränkt. Nach außen kann das hermetisch wirken, aufeinander hin aber ist es durchsichtig.

          Vielleicht liegt darin das immer schon enorme Interesse an den vielen, emotional äußerst disparaten Briefen des Dichters begründet. Diese sind zwar oft philologisch bedeutsam und stilistisch pointiert, immer aber echte, riskante Lebensäußerungen, nicht literarische Prosa unter falscher Flagge. Die meisten Korrespondenzen liegen inzwischen in Buchform vor. Was Barbara Wiedemann, eine profunde Kennerin von Celans OEuvre und Leben, nun herausgegeben hat, ist freilich ein Novum, der faszinierende Versuch nämlich, den „ganzen Celan“ über seine Briefe zu erfassen. Die voluminöse, hervorragend genau und verständlich kommentierte Edition hebt an mit dem Schreiben des Dreizehnjährigen an seine Tante Minna und reicht bis zum erschütternden Abschiedsbrief des immer aussichtsloser gegen die Verdunkelung der Gedanken Ankämpfenden an die letzte Geliebte, Ilana Shmueli, in dem die Empfängerin gebeten wird, bei ausbleibenden Zuschriften Ruhe zu bewahren. Daran sei nur ein Poststreik schuld. Acht Tage später, am 20. April 1970, nahm Celan sich das Leben.

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          Notgedrungen stellt eine Briefausgabe über dreieinhalb Jahrzehnte hinweg eine Auswahl dar, aber sie ist weit mehr als ein Best-of der vorliegenden Editionen, und zwar schon deshalb, weil es sich bei knapp der Hälfte der 691 Briefe um Erstdrucke handelt. Die bislang nur in Archiven (oder gar nicht) zugänglichen Informationen erweitern die Materialbasis der Celan-Philologie erheblich. Ebenso wichtig aber ist, dass erst in einer solchen Zusammenschau Kontexte des Nebeneinanders sichtbar werden. Wenn man sieht, wie derselbe Celan liebevoll an Frau und Kind schreiben, enthusiastisch Übersetzungen anstoßen, den Tod des „Schnauzbarts“ (Stalin) feiern, offenherzig auf Schülerfragen antworten, Lektorate zurechtstutzen, Freunde anschwärmen, wunderschöne Trostbriefe verfassen, bitter kalauern und blindwütig die Mehrzahl der deutschen Intellektuellen der „Hitlerei“ bezichtigen konnte – vieles davon zeitgleich –, ahnt man etwas vom Zersprungenen dieser Person.

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