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Paul Celans Briefe : Genie und Alltag

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Viel bislang Unpubliziertes

Das alles erklärt sich natürlich aus der traurigen Vorgeschichte. Auch zum Aufenthalt des Juden Paul Celan in zwei verschiedenen rumänischen Arbeitslagern ist bislang Unpubliziertes zu lesen. Im Juli 1942 schreibt er von dort an Ruth Kraft von seinen Sorgen um die kranke Mutter, nicht wissend, dass die Nationalsozialisten die Eltern längst deportiert hatten. Im Dezember 1943 scheint er eine gute „Nachricht von meinen Eltern“ erhalten zu haben; da waren sie bereits ermordet. Man kann verstehen, dass hier ein Charakter mit Misstrauen imprägniert wurde.

Als dann die „Goll-Affäre“ (auch darüber hat Wiedemann schon wegweisend publiziert) ihre Kreise zog, sah Celan darin das antisemitische Schauspiel, einen toten gegen einen lebenden Juden auszuspielen. Zwischen 1960 und 1962 korrespondierte er wie besessen mit Leitfiguren des Literaturbetriebs, immer Sorge tragend, allen Empfängern sämtliche vermeintlichen Angriffe auf seine jüdisch-deutsche Literaten-Identität mitzuteilen. Wer ihm darauf, wie Heinrich Böll oder Alfred Andersch, Überempfindlichkeit oder Verschwörungsglaube attestierte, wurde fortan zu den „Schurken“ und „Gangstern“ gezählt. Bald dünnte die Zahl der Freunde stark aus. Zeitlebens wichtig blieb für Celan die Lyrikerin Nelly Sachs.

Celans späte Jahre waren eine briefferne Zeit

In späteren Jahren, als sich Celan oft in psychiatrischer Behandlung befand, beginnt eine „briefferne Zeit“; so nennt es Celan gegenüber dem Komparatisten und Seelenverwandten Peter Szondi. Vor allem Frau und Sohn werden mit um Dezenz bemühte Zuschriften bedacht. Auch neue Geliebte wie Inge Waern oder Ilana Shmueli sind zu verzeichnen, aber diesen Momenten der Lebensfreude gelingt es nicht mehr, das Dunkel zurückzudrängen: „es ist spät geworden in meinem Leben, vor der Zeit“.

Bis zum Schluss reflektierte Celan das eigene Schreiben glasklar. Er wusste sehr genau, dass seine nachtschwarzen, allenfalls in ihrem Wohlklang und Urwortvertrauen tröstlichen Gedichte deshalb so unmittelbar ergreifen, weil sie so nahe am Leben (lies: Abgrund) errichtet wurden. Mehrfach verwahrt er sich gegen den Terminus „Artistik“, so auch in einem bislang unpublizierten Brief an den Verlagslektor Klaus Reichert. Selbst die schwer dechiffrierbaren späten Gedichte des Bands „Atemwende“ seien „kein Weg nach innen“: Innen und außen fänden sich darin „verstrebt, aufgehoben in der einen Sprachwirklichkeit des Gedichts“. Geschrieben seien seine Gedichte dabei keineswegs für die Toten, sondern „für die Lebenden . . ., allerdings für diejenigen, die der Toten eingedenk bleiben (wollen)“. Was Paul Celan damit meint, wird deutlich, wenn er die „Todesfuge“ das „Grab“ seiner Mutter nennt: ein heiliger Bezirk, der Literaturkritik nicht zugänglich. Das ist ebenso prä- wie postmodern, die Rückkehr des Magischen als sprachliches Absolutum.

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