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Paul Celans Briefe : Genie und Alltag

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Eine aufsehenerregende Entdeckung aus jüngster Zeit

Zum romantischen Celan hat es unlängst eine aufsehenerregende Entdeckung gegeben. Fünf Briefe an eine unbekannte Geliebte namens Hannele aus dem Sommer 1951 wurden versteigert. Die Affäre fiel in eine entscheidende Lebensphase Celans, der noch in Paris Fuß zu fassen suchte. Mit der Zusage der Deutschen Verlags-Anstalt für „Mohn und Gedächtnis“, den ersten Gedichtband (eine frühere Publikation hatte Celan wegen vieler Fehler zurückgezogen), begann sein Durchbruch. Und kurz darauf lernte er seine spätere Frau, Gisèle Lestrange, kennen. Einige Briefe an Gisèle sind in der Edition enthalten, emphatisch verliebte zunächst, später solche, die sich an das Stabilisierende dieser Beziehung klammern. Die Ehe ging durch viele Tiefen bis hin zum Mordversuch im Wahn. Im Erstdruck finden wir zudem eine poetische Danksagung an Alfred Günther, Lektor bei der bald von Celan angefeindeten DVA, für den „unwirklich-schön“ gestalteten Gedichtband.

Paul Celan mit dem Ehepaar Demus, London 1955

Barbara Wiedemann lüftet aber auch das Geheimnis um die unbekannte Geliebte Hannele. Es handelte sich um die 1926 geborene, 1951 bereits geschiedene Berlinerin Hannelore Scholz, die der Student Celan an der Sorbonne kennenlernte. Die beiden trafen sich 1967 noch einmal in Berlin wieder. „Hannele“, die als Übersetzerin arbeitete und später den wenig bekannten Maler Egon Hoelzmann heiratete, lebte noch bis zum Jahr 2011. Die vorliegende Edition verdeutlicht indes, wie sehr der seit Juli 1948 in Paris weilende Celan „Anschluss ans Leben“ durch Beziehungen suchte: Die Briefe an geliebte Frauen stapeln sich in diesen Jahren. Romantische Zuschriften erhalten etwa die niederländische Widerstandskämpferin Diet Kloos, die Jugendgeliebte Ruth Kraft, Erica Lillegg, die Ehefrau des Wiener Surrealisten Edgar Jené (Celans vorausliegende Exil-Station), das „liebe Reh“ Traute Ogris (eine Studentin) und von 1949 an Celans unglückliche, wenngleich von Gisèle akzeptierte Lebensliebe Ingeborg Bachmann. Aufgenommen wurden dabei natürlich auch die erst 2016 aufgetauchten und deshalb im Celan-Bachmann-Briefwechsel „Herzzeit“ (2008) fehlenden zwei intimen Briefe von 1957, in denen der aufgewühlte Autor erwägt, für die „Liebste“ seine Familie zu verlassen.

In den Liebesbriefen wird ein zärtlicher Celan sichtbar, der zwar mit Einsamkeit kokettiert, diese aber oft ins Poetisch-Symbolische umbiegt: „meine Uhr steht still, mein Valet de chambre ließ sie gestern beim Aufräumen des Zimmers fallen, ich habe also, wenn ich so sagen darf, keine Zeit – endlich!“ Daneben erhalten wir Einblick in Celans Arbeitsprozesse als Übersetzer und Lyriker, erkennen, wie akribisch er (nach dem Wiener Publikationsdesaster) Verlagsfahnen korrigiert. Vor allem aber gibt diese Sammlung Auskunft darüber, welche Schneise der Verwüstung die Niedertracht – Störaktionen rechter Zuhörer, vor allem aber die unbegründete Plagiatsanschuldigung durch Iwan Golls Witwe – in das Leben des aufstrebenden Dichters geschlagen hat. In seiner Verbitterung misstraute Celan selbst der wachsenden Anerkennung, die ihm entgegengebracht wurde. Er überlegte, den Büchnerpreis abzulehnen; die „Darmstädter Akademie“ firmiert hier bald als „sogenannte“. „Nazitum“ überall.

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