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„Alles, was man für einen Krimi braucht, ist ein guter Anfang und ein Telefonbuch, damit die Namen stimmen“: Georges Simenon 1954 in Connecticut Bild: Magnum Photos

Hörbücher von Georges Simenon : Schreibend sich selbst auf die Schliche kommen

  • -Aktualisiert am

Georges Simenon war einer der produktivsten Autoren. In einer ambitionierten Hörbuch-Reihe bringt der Audio Verlag jetzt fast das gesamte Werk heraus.

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          Im Jahr 1973 beschloss Georges Simenon, keine Romane mehr zu schreiben. Stattdessen spürte er in zahlreichen Büchern seinem Innenleben und damit seiner Vergangenheit nach. Das bekannteste Werk in dieser Reihe sind die sehr offenen „Mémoires intimes“ von 1983. Fast zehn Jahre zuvor, 1974, diktiert er den „Brief an meine Mutter“. Darin fallen harte Worte: „Wir haben uns zu deiner Lebzeit nie gemocht.“ Diesen Satz ruft er der Mutter nach, die er im Krankenhaus besucht, als sie im Sterben liegt. Wie alle inneren Spurensuchen hat auch diese etwas Unnatürliches, denn sie zielt zugleich aufs Intime wie aufs Öffentliche. Wäre es anders, bräuchte der Autor nicht zu schreiben, wie alt seine Mutter war: „Es ist nun etwa dreieinhalb Jahre her, dass du einundneunzigjährig gestorben bist.“

          Es war keine erfreuliche Beziehung, über die der Autor räsoniert, während er die letzten Tage der Mutter im Krankenlager nachzeichnet. Und die Frau, an die er seine Worte richtet, muss keine erfreuliche Erscheinung gewesen sein: stolz, kaum zärtlich, aufstiegsorientiert und so sehr auf ihre Unabhängigkeit bedacht, dass sie das Geld, das ihr reich gewordener Sohn ihr zukommen lässt, nicht anrührt. Mit ihrem zweiten Mann, den sie, wie Simenon unterstellt, wegen dessen Pension geheiratet hat, führt sie bald eine so zerrüttete Ehe, dass beide voneinander unabhängig ihre Mahlzeiten zubereiten und die Lebensmittel getrennt aufbewahren. Warum, so fragt man sich, während man Ulrich

          Noethens gleichmäßigem, nur sehr dosiert leidenschaftlichem Erzählstrom folgt, hat Simenon diese höchst privaten Erinnerungen aufgezeichnet? Wahrscheinlich, weil er nicht anders konnte. Der Mann, der ein staunenswert großes Werk schuf, der es pro Tag auf „80 bis 100 druckreife Seiten“ schaffte, der für einen Roman oft nur zehn Tage brauchte, war ein Getriebener, der sich in seinen letzten Büchern selbst auf die Schliche kommen wollte.

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          Georges Simenon, der von 1903 bis 1989 lebte, war unfassbar produktiv. Er schrieb – die Angaben wechseln – mindestens 75 Romane mit Kommissar Maigret als Helden, 117 „Non-Maigrets“, Romane, denen der Autor das Adjektiv „durs“ zuschrieb, hart, außerdem mehr als 150 Erzählungen. Das Gesamtwerk wurde nun Teil eines ehrgeizigen Projekts: Der Audio Verlag bringt bis zum Herbst 2020 sukzessive fast alle Arbeiten Simenons als Hörbücher heraus und folgt damit der Gesamtausgabe, die der Züricher Kampa-Verlag neu auflegt.

          Wie unangemessen es ist, die Fülle jener Romane, Erzählungen und Betrachtungen, in denen die legendäre Figur des Kommissars nicht mitspielt, als „Non-Maigrets“ zu bezeichnen, wird spätestens deutlich, wenn man „Der Schnee war schmutzig“ hört. Der Roman, 1948 zu Papier gebracht, ist ein Meisterwerk der Lakonik. Wäre sein Autor nicht (vor allem) als Kriminalautor bekannt geworden, hätte dieses Buch allein gereicht, ihn als Schriftsteller von Graden auszuweisen.

          Die Handlung spielt in einer namentlich nicht genannten Stadt, die von nicht identifizierten Besatzern beherrscht wird – die tatsächliche Besatzung Frankreichs durch die Deutschen lag zur Zeit des Entstehens erst wenige Jahre zurück. Antiheld der Handlung ist der junge Frank, skrupellos, nihilistisch und von gelassener Aufsässigkeit. Er bringt kalt lächelnd einen der Besatzer um, ist nun im Besitz von dessen Waffe und bald darauf eines Passierscheins, der ihn sakrosankt zu machen scheint, bis ihn die Besatzer doch ermitteln, ihn einsperren und verhören.

          „Brief an meine Mutter“, „Das blaue Zimmer“ und „Der Schnee war schmutzig“ von Georges Simenon

          Dieser Roman ähnelt in der knappen Simenonschen Diktion einem Schneeball, der klein und harmlos einen Abhang hinunterrollt und dabei an Masse und Geschwindigkeit immer mehr zunimmt. Und diese Wirkung des Textes wird durch die außergewöhnliche Leistung des Sprechers Sebastian Rudolph noch gesteigert. Rudolph ist ein sehr gut vorbereiteter Textgestalter, ein schauspielernder Sprecher, der stimmlich und melodisch in alle Rollen schlüpft. Man vermeint bald, alle Akteure zu hören, die Unerbittlichkeit des Verhöroffiziers, das zarte Werben der verliebten Sissy, die herzlos-lapidare Ablehnung Franks, aber auch dessen zunehmende Verzweiflung im Gefängnis angesichts der rücksichtslosen Einvernahme.

          Auch „Das blaue Zimmer“ zählt zur Kategorie des „roman dur“. Und Simenon, der angab, mit zehntausend Frauen geschlafen zu haben (was Ehefrau Denise auf „nur“ tausendzweihundert korrigierte) beschreibt hier die Leidenschaft zwischen Tony und seiner Geliebten Andrée so nüchtern wie umfassend, mit allen Geräuschen und Gerüchen, explizit, aber nie pornographisch. Es ist eine verhängnisvolle Affäre, die sich zwischen den beiden entspinnt. Sie kennen sich seit Kindertagen, beide sind, als sie sich wieder begegnen, verheiratet. Sie treffen sich regelmäßig im blauen Zimmer eines Provinzhotels, lieben sich mit Leidenschaft, und eines Tages fragt Andrée ihren Lover, was er täte, wäre er frei. In Rückblenden erzählt, entwickelt sich eine Handlung, die für den Mann vor seinem Anwalt, vor dem Psychiater und dem Untersuchungsrichter endet. Wolfram Koch erzählt diese Geschichte, von der man fast von Anfang an ahnt, dass sie nicht gut enden wird, in angenehmer Stimmenmittellage, unaufgeregt und jederzeit souverän. Simenon schreibt niemals „sagte er“ oder „fragte sie“ – die Dialoge stehen im Buch einfach untereinander. Es liegt in der Hörvision an der Kunst Wolfram Kochs, dennoch nie Missverständnisse aufkommen zu lassen.

          Der Roman hat deshalb etwas Beunruhigendes, weil man nicht erfährt, was Tony so Schlimmes getan haben muss, dass er in Handschellen zu den Verhören geführt wird. Vielleicht hat er seine Geliebte umgebracht, vielleicht auch deren Ehemann. Aber das wird bis zum Ende nicht aufgelöst. Dass es sich um ein Kapitalverbrechen handeln muss, wird dadurch klar, dass Tony von einem Richter, einem Anwalt und einem Psychiater vernommen wird. In allen drei Romanen bleibt – wie auch sonst – Simenons Sprache knapp, schnörkellos und präzise. Der Bestsellerautor soll, wenn er wieder einmal ein Buchmanuskript fertig hatte, die Seiten geschüttelt haben, damit noch ein paar Adjektive herausfielen. Sollte diese Anekdote nicht stimmen, ist sie treffend erfunden.

          Neue Hörbücher von Georges Simenon

          „Brief an meine Mutter“. Gelesen von Ulrich Noethen. 2 CDs, 128 Min., Der Audio Verlag, Berlin 2018. 15 Euro.

          „Das blaue Zimmer“. Gelesen von Wolfram Koch. 4 CDs, 271 Min., Der Audio Verlag, Berlin 2018. 22 Euro.

          „Der Schnee war schmutzig“. Gelesen von Sebastian Rudolph. 6 CDs, 466 Min., Der Audio Verlag, Berlin 2018. 22 Euro.

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