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Neue Bücher von und über Clarice Lispector : Von träumerischer Grausamkeit

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Im Schreiben wird das vollzogen, was im Leben nicht hatte gelingen wollen. Liest man Lispectors Debüt in diesem Wissen, dann hat es den Anschein, als hätten sich das Unglück der Mutter und zugleich die zur Tatenlosigkeit verdammte Tochter als eine lähmende, qualvolle Atmosphäre über den Roman gelegt, in dessen Mittelpunkt das Mädchen Joana steht. Komponiert ist er als Wechsel von Szenen aus Joanas Kindheit, Jugend und denen ihrer scheiternden Ehe.

Emigrantenkind, Diplomatengattin, brasilianische Kultautorin: Clarice Lispector (1920 bis 1977)
Emigrantenkind, Diplomatengattin, brasilianische Kultautorin: Clarice Lispector (1920 bis 1977) : Bild: Archiv

Zu Anfang trifft man auf ein Mädchen, das nach dem Tod seiner Mutter allein mit dem Vater aufwächst, oft stundenlang stumm und in Langeweile gehüllt am Fenster sitzt und die Hühner im Hof beobachtet. „Und immer weiter tropfte die Zeit und tropfte.“ Dann stirbt auch der Vater, und Joana wird zu einer Tante gegeben, die sich zunehmend befremdet zeigt vom Wesen des Mädchens. Das Leiden an der Einsamkeit und an dem Verlust der Eltern hat sich in ihr zu einem Konglomerat aus Stolz, Amoralität und Verschlossenheit gewandelt, an dem später auch ihre Ehe mit Otávio zerbrechen wird.

„Otávio erhaschte ihren Gesichtsausdruck und erschrak. Eine träumerische Grausamkeit ... Er sah sie forschend an, ohne sie enträtseln zu können, begriff nur, dass er von diesem angedeuteten Lächeln ausgeschlossen war.“ Mehr als Vergleiche mit anderen Literaten und mehr als die Ergründungsversuche von zeitgenössischen Rezensenten trifft diese Beschreibung aus dem Roman wohl nicht nur das Wesen von Joana, sondern auch den bisweilen abenteuerlich zwischen Somnambulismus, Expressivität und abrupter Schärfe schwankenden Ton von Lispectors Büchern.

Bild: Schöffling & Co.

Als „Nahe dem wilden Herzen“ erschien, sollte die knapp dreiundzwanzigjährige Autorin bald darauf das eingehen, woran die Protagonistin ihres ersten Romans beständig zweifelt: eine Ehe. Lispector heiratete einen Diplomaten und verbrachte die folgenden Jahre an wechselnden Orten fern von Brasilien. Glaubt man den Kommentaren von Zeitgenossen, dann wusste die junge Frau sich gekonnt und weltgewandt auf diplomatischem Parkett zu bewegen - ein bemerkenswerter Aufstieg für ein Kind, dessen Vater sich nach der Emigration als Gelegenheitsarbeiter durchschlagen musste, aber alles dafür gab, seinen drei Töchtern an Bildung und Studien zu ermöglichen, was ihm verwehrt geblieben war.

Dass Clarice Lispector dauerhaft erst 1959 als Mutter zweier Söhne und von ihrem Mann getrennt, nach Brasilien zurückkehrte, hat sicher seinen Teil dazu beigetragen, dass die Aufmerksamkeit, die ihr Debüt erfahren hatte, sich mit den folgenden Büchern nicht wiederholte. Es lag aber auch an den Büchern selbst. „Der Lüster“ etwa, Lispectors 1946 erschienener zweiter Roman, greift zwar einige Motive des Vorgängers wieder auf - allen voran das Hinterfragen traditioneller Beziehungsmuster und damit vorgezeichneter weiblicher Biographien.

Ein zweiter Verlust

Insgesamt aber ist die Geschichte um Virgínia, die zunächst in eine unheilvolle, als Kinderspiel getarnte Abhängigkeit von ihrem Bruder Daniel gerät und schließlich vom elterlichen Hof in die Großstadt aufbricht, wo sie - wie schon Joana - keinen Ausweg aus ihrer teils selbstgewählten, teils auferlegten Einsamkeit findet, weitaus traumgleicher und in all ihrer emotionalen Exaltiertheit und Aggressivität nebulöser, so dass sie sich einem breiten Lesepublikum kaum erschließen mochte. Was sich allerdings wiederum unmittelbar und sehr schmerzhaft einstellt bei der Lektüre, ist das Bild einer jungen Frau, die den konventionellen Wahrnehmungs- und Gefühlswelten der Umwelt fremd und befremdet gegenübersteht.

Nachhaltiger Erfolg als Romanautorin will sich aber auch in den Jahren nach Lispectors Rückkehr kaum einstellen. Zudem scheinen jahrelange Schlafbeschwerden, die sie mit Tabletten bekämpfte, ihr mehr und mehr zuzusetzen. Immer wieder berichten Freunde und Bekannte von nächtlichen Anrufen einer aufgelösten, verzweifelten Frau.

Das doppelt Tragische am Leben dieser eigenwilligen Schriftstellerin, deren Werk so eng verflochten ist mit ihrer Biographie, kann man bei Benjamin Moser aufs eindrücklichste nachlesen: Auch ihren ältesten Sohn Pedro, der an Schizophrenie erkrankte, hat Lispector nicht retten können. Ihr Wunsch nach Erlösung sollte nicht erfüllt werden. Postum immerhin erfolgte die Anerkennung als Schriftstellerin.

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