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: Nepper, Schlepper, Männerfänger

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Berufswunsch "Allwissender Erzähler" - eine angenehme Profession wäre das, aller Recherchen und Mühsal enthoben, weil alles schon immer bekannt wäre, der Job mithin in nichts anderem bestünde, als das Gewußte in eine ansprechende Form zu bringen. Schade nur, daß dieser allwissende Erzähler ein Relikt ...

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          Berufswunsch "Allwissender Erzähler" - eine angenehme Profession wäre das, aller Recherchen und Mühsal enthoben, weil alles schon immer bekannt wäre, der Job mithin in nichts anderem bestünde, als das Gewußte in eine ansprechende Form zu bringen. Schade nur, daß dieser allwissende Erzähler ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert ist, Zeugnis einer Epoche, in der die Autoren sich einiges mehr zutrauen durften als ihre Nachfahren von heute. Vages Verlangen indes löst der Begriff immer noch aus, und so ist es nur recht und billig, wenn der spanische Autor Juan Bonilla den zentralen Protagonisten seines Romans "Der nubische Prinz" sehnsüchtig von den entgrenzten narrativen Möglichkeiten vergangener Zeiten träumen läßt, derweil er selbst doch nur dieses ist: ein ganz gewöhnlicher, durchschnittlich informierter Ich-Erzähler. Daß dessen Wissen durchaus überschaubar ist, er von seiner Geschichte allenfalls die Hälfte kennt und die andere auch kaum kennen will - diese unbesorgte Ignoranz literarisch produktiv zu machen macht die Kunst Bonillas aus.

          Der 1966 in Jerez geborene Bonilla hat sich im "Nubischen Prinzen" eines düsteren Kapitels der spanischen und aufgrund der geöffneten Grenzen dann auch gesamteuropäischen Gegenwart angenommen: der afrikanischen und maghrebinischen Flüchtlinge, die den Sprung über die Meerenge von Gibraltar in der Hoffnung wagen, Not, Armut, Hunger für immer hinter sich zu lassen. Eine Erwartung, die allzuoft vergeblich ist. Denn womit können die Flüchtlinge, sofern sie die riskante Überfahrt auf viel zu kleinen, viel zu zerbrechlichen Booten überhaupt lebend überstehen, bei ihrer Ankunft überhaupt rechnen? Entweder werden sie umgehend in ihre Heimatländer zurückgeschickt. Oder sie fristen ein elendes Dasein als sogenannte "sin papeles", nicht registrierte Einwanderer, die schnell in den Bannkreis von Kriminalität und Prostitution geraten.

          Moisés Froissard Calderón, Bonillas Erzähler, steht in Diensten einer internationalen Begleitagentur, die wohlhabenden Kunden junge Männer und Frauen zur Befriedigung ihrer erotischen Gelüste vermittelt. Aber natürlich sind die wenigsten Bürger der westlichen Welt willens, in die Dienste einer solchen Agentur zu treten. Die rekrutiert ihr Personal darum vor allem dort, wo mögliche Mitarbeiter erfahrungsgemäß weniger wählerisch sind: in den Ländern der Dritten Welt und den an sie grenzenden Regionen - dem breiten andalusischen Küstenstreifen etwa, an dem Calderón mit Hilfe bestochener Polizisten kontinuierlich neues Personal rekrutiert. Dies mit Erfolg, sammelt sich hier wie in einem Trichter doch alles, was der weite afrikanische Kontinent an menschlicher Schönheit - und zugleich an Armut - zu bieten hat.

          "Leben retten" nennt der Erzähler seinen Job, und dies nicht ganz zu Unrecht: Die Auserwählten werden für ihre Dienste selbst nach europäischen Maßstäben bestens bezahlt und erhalten nach Ablauf ihres Vertrages die Möglichkeit, ein neues, und dies heißt nicht zuletzt: behördlich gemeldetes Leben zu führen. Ein verwerfliches Geschäft? Nicht für den Erzähler: "Wir können nichts dafür, daß uns das größte Gut, was es gibt, schon bei Geburt verliehen wurde, nämlich in einem reichen Land geboren worden zu sein, wo es ein soziales Netz gibt, eine gewisse politische Stabilität und staatliche Gelder, um moderne Malerei zu kaufen: wie konnte es dann eine Sünde sein, dieses Gut Menschen anzubieten, die es bestimmt viel mehr verdienten als man selbst?" Die Frage ist so klug wie provokant. Denn eine allgemeingültige Antwort darauf dürfte es kaum geben. Im Zweifel wird jeder sich selbst fragen müssen, wieviel an Erniedrigung und Demütigung er für eine bessere Zukunft hinzunehmen bereit ist.

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