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: Nein, wir können nicht

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Die Freude über die Ankunft des ersten schwarzen Präsidenten im Weißen Haus wird sich beim selbsternannten Stadtschreiber von Washington in Grenzen gehalten haben. Dabei haben Barack Obama und Edward P. Jones die gleiche Hautfarbe. Aber was den ehemaligen Senator von Illinois von dem Pulitzerpreisträger unterscheidet, ...

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          Die Freude über die Ankunft des ersten schwarzen Präsidenten im Weißen Haus wird sich beim selbsternannten Stadtschreiber von Washington in Grenzen gehalten haben. Dabei haben Barack Obama und Edward P. Jones die gleiche Hautfarbe. Aber was den ehemaligen Senator von Illinois von dem Pulitzerpreisträger unterscheidet, ist die Einschätzung darüber, wie sich die Situation der Schwarzen in der amerikanischen Gesellschaft künftig verbessern lässt. (Einigen könnten sie sich nur darauf, dass die Lage der afroamerikanischen Bevölkerung nicht rosig ist.) Die Zweifel an einem Fortschritt im Sinne Martin Luther Kings lässt sich an Jones' neuem Erzählungsband "Hagars Kinder" ebenso ablesen wie an den Äußerungen, mit denen er aus den Monaten zitiert wird, als Obama noch jeden Befürworter brauchte, um überhaupt als Präsidentschaftskandidat für die Demokraten antreten zu können.

          "Dieser Mann hält nicht, was man sich von ihm verspricht." Und: "Schwarze waren bisher auf der Verliererseite und werden es auch künftig sein." Dies war zumindest noch vor wenigen Monaten Jones' Einschätzung. Das Zauberwort vom "Change" sieht der Schriftsteller - im Gegensatz etwa zu Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison oder Show-Moderatorin Oprah Winfrey - kritisch: "Man möchte ja gern glauben, dass sich die Situation verbessert. Aber ich glaube das nicht. Dieses Land wurde auf Rassentrennung gegründet, und daran hat sich im Prinzip nichts geändert."

          Jede der vierzehn erstaunlich langen Erzählungen in dem 2006 in Amerika publizierten Band "All Aunt Hagar's Children", von denen einige im Magazin "The New Yorker" erstveröffentlicht wurden, gibt Jones' Skepsis ein Gesicht. Oder besser gesagt: viele Gesichter. Egal, ob es zurück ins Jahr 1901 geht, als Ruth Patterson mit ihrem Mann Aubrey aus Virginia in die Stadt am Potomac kommt und ein Findelkind statt eines eigenen Nachkommen annimmt, oder ein halbes Jahrhundert später Amy Witherspoon in "Eine eheähnliche Gemeinschaft" die verschiedenen Versuche der hübschen Miss Georgia beobachtet, einen Mann an sich zu binden - stets sind da die Schatten von Gewalt, Zurücksetzung und Benachteiligung, die seine Protagonisten erfahren haben. In der Titelgeschichte geht es sogar um Mord. Wer hat Ike umgebracht?Das will seine Mutter vom Erzähler wissen, einem aus dem Koreakrieg heimgekehrten Schwarzen, der als Detektiv in der Hauptstadt arbeitet. Der Grund war, wie heute so oft: Drogen. Der gute Sohn Ike hing an der Nadel, was dessen Frau nicht ertragen konnte.

          Auffallend und nicht immer dem Fortgang der Geschichten dienlich ist der enorme Personalaufwand, den Jones betreibt. Selten, dass eine Figur nur einen Ehepartner, Eltern oder Kinder hat, die etwas mit dem Geschehen zu tun haben; meist gibt es da auch noch einen jüngeren Bruder der Schwester oder einen Cousin nicht genau zu klärenden Grades, der aus der Beziehung des Vaters zu einer Frau stammt, die nicht seine Ehefrau ist. Man sieht schon: Der Kosmos der Familie - auch wenn er durch Untreue oder andere Grobheiten gestört ist - bildet den zentralen Kern von Jones' Geschichten, bei denen es sich eigentlich eher um Miniaturromane handelt.

          Der Autor, 1950 geboren und aufgewachsen in Washington, D.C., lebt heute außerhalb der amerikanischen Hauptstadt, in Arlington, übrigens ohne Auto, was für einen Amerikaner schon fast ein Alleinstellungsmerkmal ist. Doch noch etwas anderes zeichnet den Afroamerikaner aus, der 1992 mit dem Band "Lost in the City", das unter dem deutschen Titel "Im Labyrinth der Stadt" hierzulande erschien, seine ersten Erzählungen veröffentlichte, aber erst elf Jahre später die Berufung zum Schreiben zu seinem Beruf machte: Ihm ist die Last der Vergangenheit ebenso ein Anliegen wie die Realität des heutigen Lebens. Und ihm ist die ausschließliche Verankerung im Hier und Jetzt fremd, wie sie etwa die schon fast vergessene Bestsellerautorin Terry McMillan praktiziert, die im selben Jahr von Jones' Debüt mit "Waiting to Exhale" (deutsch: "Endlich ausatmen", 1993) einen regelrechten Boom schwarzer Literatur auslöste und in deren Romanen das Wort Sklaverei nicht einmal fällt.

          Fast zwanzig Jahre hatte Jones auf seinen Brotjob als Korrektor gesetzt und das Kreative abends erledigt, wenn die Zahlenkolonnen des Steuer-Fachblatts "Tax-Notes" geprüft waren, das ihm Ende des Monats den Gehaltsscheck schickte. Die Erfahrung von Armut in seiner Kindheit hatte Jones auf die Karte Sicherheit setzen lassen. Doch dann kam die Kündigung seines Arbeitgebers und mit ihr der Mut, es hauptberuflich als Schriftsteller zu wagen - mit mehr als ermutigendem Erfolg: Für den in zehnjähriger Nachtarbeit entstandenen, 2004 veröffentlichten Roman "The Known World" ("Die bekannte Welt", 2005) über den schwarzen Sklavenhalter Henry Townsend bekam Jones ein Jahr nach dem Pulitzerpreis für Literatur auch den IMPAC Award.

          Es ist noch nicht ganz ausgemacht, ob Edward P. Jones in der amerikanischen Literatur als Erzähler von Geschichten seinen Platz finden wird oder als Romancier. Aber gewiss ist schon heute, dass seine Stimme ganz und gar ungewöhnlich ist, nicht nur innerhalb der schwarzen Literatur Amerikas, und eine willkommene dazu.

          REINHARD HELLING

          Edward P. Jones: "Hagars Kinder". Erzählungen. Aus dem Amerikanischen von Hans-Christian Oeser. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2008. 463 S., geb., 19,95 [Euro].

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