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Ned Beauman: Flieg, Hitler, flieg! : Kann denn Ordnung Sünde sein?

  • -Aktualisiert am

Bild: Dumont

Käfer außer Rand und Band: Das Romandebüt des jungen Londoners Ned Beauman erzählt schillernd, gnadenlos böse und wunderbar albern von den Monstrositäten des zwanzigsten Jahrhunderts.

          4 Min.

          Dass aus der Angst vor Abweichungen, dem Abscheu vor dem Nichtkonformen und dem unbedingten Verlangen nach Ordnung die himmelschreiendsten Abseitigkeiten allererst erwachsen, ist eine Art anthropologisches Grundmuster. Zweifelsohne wohnt diesem Muster etwas Fatales inne, gleichsam aber auch etwas unterschwellig Faszinierendes. In „Flieg, Hitler, flieg!“, dem Romandebüt des erst fünfundzwanzigjährigen Londoners Ned Beauman, das in Deutschland jetzt kurz vor dem englischsprachigen Original erschienen ist, quillt, spritzt und sprudelt es nur so vor Absonderlichkeiten und Perversionen: körperlichen, vor allem aber geistigen und weltanschaulichen.

          Einen abgründigen Budenzauber des zwanzigsten Jahrhunderts entspinnt Beauman, in dem Ordnung und Unordnung unabänderlich aufeinandergeworfen sind. Durchrationalisierte Städte werden gebaut, die von absurder Lebensfremdheit sind, Haushalte voller futuristischer Maschinerien erfunden, die außer Kontrolle geraten und ihre Bewohner terrorisieren, oder eine universale, auf strengen Regeln basierende Kunstsprache, die unmöglich zu lernen ist. Und bei alledem verquirlt Beauman Historie und Phantasma durch kriminologische, verschwörungstheoretische und manchmal nur famos alberne Verwicklungen derart miteinander, dass es Thomas Pynchon eine wahre Freude sein dürfte.

          Wahn der Reinigung

          Im Epizentrum des Romans steht die größte Abseitigkeit des Jahrhunderts, der Nationalsozialismus mit seinen Theoriegespinsten über Reinigung und Ordnung: der Rasse, der Sprache und der Welt. Bis hinein ins England der Gegenwart reicht seine Strahlkraft, an den Schreibtisch von Kevin Broom, Beaumans Erzähler, genannt Fishy, einem veritablen Computer-Nerd, ehemaligen Buchhalter und passionierten Sammler von Nazi-Memorabilien.

          Indes, wie der betont, sammle er nicht aus nationalsozialistischer Gesinnung, sondern aus Faszination an der eigenen psychischen Abnormität. Unbewusst womöglich auch, um der eigenen physischen Abseitigkeit ein würdiges Komplement hinzuzugesellen: Fishy leidet unter Trimethylaminurie, einer seltenen Stoffwechselkrankheit, die dazu führt, dass Schweiß und Urin der Betroffenen penetrant nach altem Fisch riechen. Sein Spitzname rührt also nicht von ungefähr. Und nicht von ungefähr hält er hauptsächlich via Chatroom Kontakt zur Außenwelt, bis er aus der Abgeschiedenheit gerissen und auf eine Spur gesetzt wird, die bei jedem Fetischisten von Nazi-Tand prompte Adrenalinschauder auslösen würde.

          Lust an der Kolportage

          Ein Brief, unterschrieben von Hitler höchstpersönlich und versteckt in einem Gefrierfach, ist es, der Fishys Suche in Gang setzt und der das Scharnier bildet, das den Roman auf eine zweite Zeitebene klappen lässt: Mit unverkennbarer Lust an der Kolportage fährt Beauman die Kulissen für sein London der frühen dreißiger Jahre auf: schwül-verschwitzte Boxhallen, dekadente Schwulenclubs und von der Mafia gebeutelte Gemüsemärkte. Kaum weniger lustvoll entworfen ist das exzentrische – und fast durchweg männliche – Personal.

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