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Ned Beauman: Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus... : Heiß auf Fräulein Hitler

  • -Aktualisiert am

Bild: DuMont

Ein grandioser Spaß in Art déco: Ned Beauman schreibt die hintersinnigsten Spektakelromane unserer Tage. Auch in seinem aktuellen Werk vermengt er die dreißiger Jahre gekonnt zu einem irrwitzigen Cocktail.

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          Denkbar knapp, um den Allerweltsbuchstaben „e“ nur, schrammt dieser unausstehliche, neidische, selbstmitleidige, aber in seiner Offenheit doch wieder liebenswerte Miesepeter am totalen Verlierer vorbei: Egon Loeser ist ein Loser mit Potential - und damit der Inbegriff Berlins. Und auch wenn dieses Feuerwerk von einem Roman im angeblich so goldenen Berlin der Weimarer Republik seinen Ausgang nimmt, das hier frech als drogenverseuchte Faulenzer-Boheme imaginiert wird, so zielt das doch ziemlich deutlich auf das heutige Rumhängeparadies der Projektemacher.

          Und sollte das jemandem entgehen, weist ihn die Hauptfigur per „Äquivalenz-Theorie“ explizit darauf hin: „Verglich man das Berlin der Weimarer Republik mit der Stadt, die im Jahr 2013 gerade groß in Mode sein würde, welche es auch immer sein mochte, so stieß man immer auf dieselben hohlen Menschen, die auf dieselben hohlen Partys gingen und dieselben hohlen Sprüche über dieselben hohlen Bemühungen losließen, und an den äußersten nackten Rändern gab es höchstens ein paar künstlerische Zuckungen, für die es sich lohnte.“ Der hier so gnadenlos Urteilende ist freilich selbst ein nach Anerkennung gierender Künstler, sofern man Bühnenbildner zu den Künstlern zählt (was zu Egon Loesers Verdruss aber kaum jemand tut).

          Promiskuität ist Mode

          Dumm ist dieser Held durchaus nicht, aber zu jener intellektuellen Überlegenheit, die er zur Schau trägt, reicht es denn auch wieder nicht. Er scheitert als Leser bereits an Döblins „Berlin Alexanderplatz“, während ihn, der alles Amerikanische zu verachten vorgibt, zeitgenössische amerikanische Romanzen in den Bann schlagen. Dass dieser selbsternannte „Neue Expressionist“, der seit Jahren an einem Stück über ein ominöses Teleportationsunglück im Barock werkelt, so schrecklich wenig Erfolg im Leben hat, schlägt sich nieder in einer Art Privatinsolvenz im Hinblick auf die wichtigste Währung überhaupt: Beischlaf.

          Dabei steigern die zur Mode gewordene Promiskuität im Allgemeinen und der unerklärliche Erfolg Bertolt Brechts bei Frauen im Besonderen seine Verzweiflung ins Unerträgliche: „Früher, in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts zum Beispiel, wäre er nicht annähernd so frustriert gewesen, weil er keinen Sex hatte, weil sonst auch niemand Sex hatte - nach dem gleichen Prinzip, das sie jetzt in Russland auf Kartoffeln, Elektrizität und so weiter anwandten.“ Aber jetzt, im Jahre 1931, bleiben nur der Griff zu Schmuddelheften und die Entwicklung einer brutzelheißen Obsession.

          Originelle Einfälle mit Witz

          Zu allem Unglück verguckt sich Egon auch noch in das hübscheste und leichteste Mädel der Kulturszene, Adele Hitler mit Namen (nicht verwandt). Die nur für ihn unerreichbare Nymphomanin wird für den Protagonisten, der dermaßen mit sich selbst beschäftigt ist, dass er die nationalsozialistische Diktatur komplett verpasst, zu einer Art Teleportationsapparatur, denn auf ihren Spuren führt sein Weg über Paris nach Los Angeles. Es stört Egon allerdings erheblich - und das lastet er nun doch den Nazis an -, dass das gesamte Aufschneider-Berlin, dem er doch hatte entfliehen wollen, bald in Kalifornien Fuß fasst.

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