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Rezension: Belletristik : Das große Teppichknüpfen

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Und nichts auslassen: Gloria Naylor lehrt Voodoo

          3 Min.

          Daß sich ein herzkranker Urlauber der Umstände seines eigenen Todes erinnert und darüber höchst anschaulich zu berichten weiß, ist zumindest ungewöhnlich. Daß dieser Tod die Folge eines Zweikampfes mit einem Huhn im Hühnerstall ist, macht die Sache nicht einsichtiger. Auch daß sich im letzten Sommer unseres Jahrhunderts eine gesellige Runde an bedeutsame Ereignisse des Jahres 1823 erinnert, verlangt einige Vorstellungskraft ab. Aber in der Literatur herrscht, gottlob, Gedankenfreiheit, und für den geübten Leser sind literarische Grenzüberschreitungen längst alltäglich geworden. "Fantasy"-Romane, utopische oder esoterische Erzähl-Projektionen gehören zum vertrauten literarischen Repertoire. Weniger vertraut sind dem Europäer die Bild- und Vorstellungswelten der schwarzamerikanischen Literatur. Völlig fremd erscheinen uns die Psycho-Mechanismen des Voodoo-Kultes, den die afrikanischen Sklaven in ferne Länder exportierten.

          Gloria Naylor gehört zu jenen Autorinnen des schwarzen Amerika, die uns, wie Toni Morrison, in fremdartigen, suggestiven Geschichten die Empfindungen der Sklaven-Nachfahren schildern. 1983 erhielt sie für ihren ersten Roman "Die Frauen von Brewster Place" den National Book Award. 1994 erzielte ihr Roman "Bailey's Cafe" auch bei uns große Aufmerksamkeit.

          Mit ihrem dritten, von Angelika Kaps bemerkenswert stilsicher übersetzten Roman (der in den Vereinigten Staaten schon vor acht Jahren erschienen ist) setzt Gloria Naylor ihre Erkundungen der Mentalität dunkelhäutiger Amerikaner fort. Wie schon in ihren früheren Büchern fällt es auch diesmal nicht immer leicht, sich durch eine überbordende Stoff-Fülle hindurchzugraben. Gloria Naylor läßt keine Bagatelle aus, über alles wird ausgiebig und vehement berichtet. Man vermeint beim Lesen, einem fast endlosen Redeschwall zu lauschen - und durchläuft dabei so etwas wie einen Lehrkurs im Umgang mit oral history.

          Vordergründig scheint es nur um eine Liebesgeschichte zu gehen. Zwischen einer jobsuchenden jungen Dame und einem erfolgreichen Maschinenbauingenieur entwickelt sich etwas mühevoll eine Romanze, an deren Ende die Heirat steht. Man begegnet sich an den Wochenenden, streift in Manhattan umher, doch er kann sein Interesse für die Spiele der Football-Liga nicht bezähmen, und sie kann ihr Zuhause nicht vergessen - zwei an die Hektik des Stadtlebens angepaßte fleißige Großstadtmenschen auf der Suche nach dem privaten Glück.

          Doch die Wurzeln des schwarzen Kontinents wirken im verborgenen. Als die beiden das kleine Eiland vor der Küste von Charleston besuchen, wo die letzten Familienangehörigen der jungen Frau - eine Großmutter und eine alte Tante - noch immer das einfache und bescheidene Dasein einstiger Sklaven führen, braut sich eine Katastrophe zusammen. Das dunkle Erbe einer Geschichte, an deren Anfang ein Kaufvertrag über eine Urahnin steht, die sich "der Hexerei verdächtig" gemacht haben soll, entrollt sich mit Gewalt. Die alte Tante, Mama Day, ist eine Urmutter, wie sie im Buche steht - vorchristlich, vorrational und naturnah. Sie verkörpert die noch immer lebendigen Wurzeln einer anderen Daseinsform und unterhält, wie das Paar aus der Großstadt zu spüren bekommt, Verbindung mit Naturgeistern.

          Die Autorin erzählt diese sich immer wieder in Einzelheiten verlierende Geschichte im ständigen Wechsel unterschiedlicher Perspektiven: denen der Frau, des Mannes und der Inselbewohner. Lapidare, nicht gerade kunstfertige Dialoge und ausschweifende Naturbeschreibungen, Träume und Erinnerungen, Visionen und Genreskizzen verknüpfen sich zu einem düsteren Teppich afroamerikanischen Erlebens. Wenn der Leser sich endgültig in den oft höchst trivialen Ausläufern der Handlung verirrt zu haben glaubt, hebt sich unversehens der Vorhang vor den beiden Grundmotiven des Romans: Die Autorin jongliert geschickt mit den tradierten formalen Gesetzmäßigkeiten des Blues und, überraschender, auch mit William Shakespeares literarischem Vermächtnis, dem "Sturm".

          Oft ist Gloria Naylors Metaphorik allzu bizarr oder überdeutlich, manches verliert sich auch in allegorischem Dunkel. Hat man sich aber durch die beiden Teile des Romans hindurchgekämpft, ist man beeindruckt vom Reichtum seiner eigenwilligen kompositorischen Phantasie. Gloria Naylor verfügt nicht über die konzentrierte, mythisch verknappende Sprachgewalt einer Toni Morrison, ihr erzählerisches Temperament indes braucht sich hinter dem der großen Kollegin nicht zu verstecken. MATTHIAS WEGNER

          Gloria Naylor: "Mama Day". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Angelika Kaps. Carl Hanser Verlag, München 1996. 435 S., geb., 45,- DM.

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