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Naomi Schenck: Archiv verworfener Möglichkeiten : Mach uns eine Szene, Autor!

  • -Aktualisiert am

Bild: Belleville

Ein Bildwerk? Eine Textmaschine? Ja und ja! Naomi Schencks erstaunliche Anthologie konfrontiert deutsche Schriftsteller mit zeitgenössischer Fotografie - sehr zum verstörenden Vergnügen des Lesers.

          2 Min.

          Wenn ein Buch eine Maschine zum Denken ist, wie es der große englische Literaturwissenschaftler I.A. Richards einmal gesagt hat, dann ist eine Anthologie wohl im besten Fall ein kraftvoller Mehrzylindermotor. Kombiniert man darin nun noch die Medien Text und Bild miteinander, so wie es die Szenenbildnerin Naomi Schenck und der Autor Ulrich Rüdenauer in ihrer Publikation vormachen, erhalten Leser und Betrachter schnell eine solche Fülle von Denk- und Phantasieanstößen, dass schon die beschreibende Klassifizierung des Werks als große Einengung erscheint. Ist es Bilderlyrik? Oder ist es ein Wortfilm, den die beiden da zwischen zwei Buchdeckel gebannt haben?

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Zuerst einmal findet sich der Leser als Betrachter in einer Gemäldegalerie wieder, die größtenteils menschenleere Räume präsentiert: Flure, Treppenhäuser, Büros und Keller, aber auch schwerer definierbare Räumlichkeiten mit Schlafgelegenheiten, in denen kürzlich noch Leben gewesen sein muss. Dies sind, so klärt das Vorwort auf, Motivfotos für mögliche Filmdrehorte, an denen allerdings nie gedreht wurde - insofern sind es also „verworfene Möglichkeiten“.

          Damit die Inspiration nicht verloren geht

          Um aber das einladende Potential dieser teils beeindruckenden, streckenweise an den Fotokünstler Jeff Wall erinnernden Motive noch anderweitig zu nutzen, haben die Herausgeber zahlreiche Autoren gebeten, im Medium der Schrift auf die Bildmotive zu reagieren - was sie in höchst verschiedener Weise tun: Sie entwerfen fiktionale Szenarien wie Georg Klein und Wilhelm Genazino, sie dichten wie Ulrike Almut Sandig und Marcel Beyer - oder sie betätigen sich essayistisch wie der Kritiker Hubert Winkels.

          Gleich doppelt inspirieren lässt sich etwa der Autor Stephan Thome, indem er zunächst die Szene eines umzugswilligen Pärchens ausmalt, das nach jedem Maklertermin nur wieder zur Einsicht gelangt, dass es niemals umziehen wird. Und gleich darauf folgt die Zeitungsrezension dieses erfundenen Gedankenfilms.

          Ein besonderer Glücksfall ist der Text von Lutz Seiler (“Aus der Lebenskiste“): Der Autor erinnert an seine Einberufung zum Wehrdienst in der ehemaligen DDR. Diese Erzählung ist mit einem verstörenden Bild kombiniert, auf dem ein gekachelter Raum mit mehreren Frisierstühlen vor Waschbecken zu sehen ist. An Stelle von Spiegeln finden sich dort jedoch Rundbögen, die wie zugemauerte Fenster erscheinen. Am Ende steht eine ergreifende Szene, in der sich der Autor mit seinem Porträt als junger Mann im Dienstausweis versöhnt: Er meint, ein Lächeln im Gesicht des Soldaten von damals zu erkennen, als dieser auf das Schreibgerät in der Hand des ihn Betrachtenden blickt.

          Wim Wenders nur mittelmäßig

          Während der Beitrag des Filmemachers Wim Wenders eher zu den schwächeren gehört, ist am stimmigsten wohl die Herangehensweise eines Heinz Emigholz: Er erfindet zu den einzelnen Bildern konkrete Beschreibungen ihrer zunächst geplanten Nutzung (etwa für einen sogenannten Quality-Zweiteiler der Produktionsfirma Degeto mit Sky Dumont) und daraufhin auch die Gründe für das letztliche Verwerfen der ursprünglichen Idee: „Nun hat sich Herr Breloer entschieden, die Handlung des Films nach Binz auf Rügen im ausgehenden 19. Jahrhundert zu verlegen, um eine gewisse, dem Etat angemessene, ausstatterische Opulenz zu ermöglichen.“

          Eine vorgeschriebene Lesart für dieses Buch gibt es nicht, nur viele Möglichkeiten: Man kann es als Bildband aufschlagen und eine unmittelbare ästhetische Erfahrung mit den seltsamen Kunstwerken Naomi Schencks und ihrer je eigenen, poetischen Wahrheit machen, ohne je zu fragen, wo diese Bilder aufgenommen wurden. Man kann sich als Neugieriger dabei ertappen, wie man dann doch hinten im Bildregister die dokumentarische Wahrheit aufspüren will und erfährt, dass manche Motive etwa aus dem Namibischen Nationalarchiv in Windhoek oder von „privat, Heidelberg“ stammen.

          Man kann sich von der Sprachkraft einzelner Texte so vereinnahmen lassen, dass man keinerlei Bilder mehr benötigt. Und man kann, sollte man von der Ästhetik des Verlassenseins etwas bedrückt sein, sich entlang des irrwitzig-fröhlichen Narrativs der Bildkommentare durch den Band hangeln: Schon wird aus dem Buch eine Maschine zum Lachen.

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