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Najat El Hachmi: Der letzte Patriarch : Wie ein Lamm am Seil

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Ein wunderbares, ein notwendiges Buch, das gerade zur rechten Zeit kommt: Najat El Hachmi zeigt in ihrem autobiographischen Roman, wie man einen Patriarchen stürzen kann - mit den Mitteln der Literatur.

          5 Min.

          Es gibt Bücher, von denen man sich gleichsam wider Willen fesseln lässt: ein sicherer Beweis dafür, dass sie zu den besten gehören. Da wirft einem ein günstiges Geschick einen Roman auf den Tisch, an dem man im Buchhandel achtlos vorübergeschaut hätte: ein arabischer Verfassername, den man nicht kennt, darunter das Gesicht einer dunkelhaarigen jungen Frau, dann ein Titel, wie er plakativer nicht sein könnte: „Der letzte Patriarch“. Sieht aus wie ein feministischer Thesenroman aus dem Maghreb.

          Wenn man dann, vom Pflichtgefühl getrieben, die erste Seite liest und erfährt, dass die Geschichte eines Mimoun erzählt werden soll, der der letzte Patriarch seiner Familie gewesen sei, denn „keiner seiner Söhne würde sich mehr mit dem autoritären Geist identifizieren, der ihm vorausgegangen war, keiner von ihnen würde versuchen, seine diskriminierenden und diktatorischen Verhaltensmuster nachzuahmen“ - fragt man sich angesichts dieser dröhnenden Programmatik nur noch verstört: „Verlag Klaus Wagenbach, quo vadis?“ und legt den Band beiseite.

          Dichteste Lebensrealität

          Und dann greift man doch noch einmal nach dem Buch, überspringt schaudernd die erste Seite und beginnt gleich mit der Erzählung, deren Einstieg nicht konventioneller sein könnte, denn der Roman setzt ein mit der Geburt des letzten Patriarchen, des lange ersehnten ersten Sohns einer marokkanischen Dorffamilie: „Er hieß Mimoun, der vom Glück Gesegnete, weil er nach so vielen Frauen geboren worden war.“ Auch dieser Satz klingt plakativ, aber das muss er auch, denn er spiegelt die stabile Geschlechterhierarchie in einer Welt, in der die patriarchalische Ordnung - begünstigt auch durch den Analphabetismus, der in Marokko bis heute rund vierzig Prozent der Bevölkerung betrifft - nie in Frage stand.

          Aber: die Geburt Mimouns wird im ersten Kapitel nicht - männlich - als ein Faktum konstatiert, sondern sie wird aus der Perspektive der Gebärenden als ein eminent körperliches Geschehen vergegenwärtigt, und so gerät der Leser gleich mit den ersten Sätzen des Romans unwiderstehlich in den Bann eines Erzählens, das sich durch eine ungeheure Konkretheit und Sinnlichkeit auszeichnet und damit seine eigene Programmatik mühelos dadurch überspielt, dass es dichteste Lebensrealität gestaltet.

          Seelische Kläglichkeit

          Die Mutter Mimouns steht mit dem Hahnenschrei auf, vollzieht ihre morgendlichen Waschungen, pflückt Feigenkakteen, wobei „ein dicker Tropfen Schweiß ihre Wangen hinunterrann“, dann backt sie das Brot für ihre Familie, bis sie plötzlich bemerkt, „dass ihre Hosen feucht waren von einer undefinierbaren beigen Flüssigkeit“. Die Wehen setzen ohne Ankündigung ein: „Großmutter kauerte sich hin und hielt sich an dem Seil fest, das von der Decke herunterhing. Sie sah sich die aus Baumstämmen geschlagenen Balken an - was für große Holzwurmlöcher! Jedes von einer anderen Farbe. Sie hob den Kopf, um zur anderen Seite zu schauen, während sie ihre Knie mit aller Kraft umklammerte und zu pressen begann. Es sah aus, als würde sie am Seil hängen, wie ein Lamm.“ Wie ein Lamm am Seil: in diesem Buch wird nicht allein sinnlich und sachlich, sondern auch gänzlich unsentimental erzählt. Nicht zuletzt daraus zieht der Roman seine verstörende Kraft.

          Erzählt wird er aus der Perspektive der Tochter Mimouns, was der Leser aber erst nach rund 150 Seiten erfährt, als sie das Kunststück fertigbringt, auch von ihrer eigenen Geburt zu erzählen. Bis dahin aber konzentriert sich die Erzählung ganz auf die Lebensgeschichte des Vaters, der sich das Programm verordnet hat, ein großer Patriarch zu werden, dem aber seine Tochter das Schicksal auferlegt, der letzte Patriarch zu sein - und diese Tochter ist schon deshalb stärker als ihr brutal gewalttätiger, saufender, wahllos begattungswütiger Vater, weil sie es versteht, sich selbst und damit dem Leser die Existenz dieses Patriarchen in seiner ganzen inneren Schwäche und seelischen Kläglichkeit im Prozess des Erzählens begreiflich zu machen.

          Funktionalisierung der Opferrolle

          Sie gewinnt, indem sie sein Leben erzählt, förmlich die Souveränität über diesen die Familie mit archaischen Ehrbegriffen tyrannisierenden und für sich selbst jede - vor allem sexuelle - Freiheit beanspruchenden Vater und kann deshalb die Geschichte dieses Familienmartyriums auch mit großer innerer Freiheit und Gelassenheit, ohne Selbstmitleid, ja mit Ironie und Heiterkeit erzählen.

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