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Nadine Gordimer: Keine Zeit wie diese : Mit der Apartheid endeten die Katastrophen nicht

Bild: Verlag

Die Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer ist seit sechs Jahrzehnten die epische Chronistin Südafrikas. „Keine Zeit wie diese“, der neue Roman, zieht eine bittere Bilanz zur Herrschaft des ANC.

          5 Min.

          In wenigen Tagen, am 20.November, wird Nadine Gordimer neunundachtzig Jahre alt. Vor dreiundsechzig Jahren erschien ihr erstes Buch, die Kurzgeschichtensammlung „Von Angesicht zu Angesicht“, vor neunundfünfzig Jahren dann „Entzauberung“, der erste Roman. Helen Shaw, dessen Ich-Erzählerin, trägt unverkennbar autobiographische Züge - wie Nadine Gordimer stammt sie aus einer Goldgräbersiedlung in der südafrikanischen Provinz, wächst in einer weißen Mittelstandsfamilie heran, verlässt ihr Elternhaus im Dissens, engagiert sich in Johannesburg karitativ für die notleidende und unterdrückte schwarze Bevölkerung und erkennt zugleich die Grenzen und die Borniertheit ihres eigenen liberalen Milieus. Im Gegensatz zu ihrer Autorin aber wird Helen Shaw am Ende Südafrika in Richtung Europa verlassen, weil sie auf absehbare Zeit keine Chance dafür sieht, dass sich die von der Apartheid zementierten Verhältnisse ändern werden.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Gehen oder bleiben: das ist auch fast sechzig Jahre danach die zentrale Frage, die sich den Hauptfiguren dieser Erzählerin stellt - obgleich sich die Verhältnisse inzwischen grundlegend geändert haben. „Keine Zeit wie diese“, der jüngste, mittlerweile fünfzehnte Roman, setzt Mitte der neunziger Jahre ein, kurz nach den ersten wirklich freien Wahlen und der Ernennung Nelson Mandelas zum Präsidenten Südafrikas. Er endet 2009, wenige Monate nach der Wahl von Mandelas Nach-Nachfolger Jacob Zuma zum dritten schwarzen Staatsoberhaupt in der Geschichte des Landes - und er endet in der Gewissheit, dass etwas gründlich schiefgelaufen sein muss in der dazwischenliegenden Zeit.

          Scheinbar wohlgeordnete Vorstadt-Verhältnisse

          Hauptort der Handlung ist ein wohlhabender nördlicher Vorort von Johannesburg. Hier hat sich seit dem Ende der Apartheid der neue Mittelstand gebildet: Schwarze, Farbige, Weiße, Lehrer, Rechtsanwälte, Universitätsangehörige, Künstler, Kaufleute, Ingenieure, unter ihnen ehemalige Kämpfer des ANC, des African National Congress.

          Anfangs noch misstrauisch beäugt, gehört inzwischen sogar eine Schwulen-WG dazu, die sich in einer ehemaligen Kirche eingerichtet hat und deren Swimmingpool zur Attraktion des ganzen Viertels wird. Noch legt man großen Wert darauf, nicht in einem rundum von Zäunen und rund um die Uhr von bewaffnetem Sicherheitspersonal geschützten „Compound“ zu leben, eine „gemeinsame Schutzstreife“ aber ist längst unverzichtbar - am Rand der Vorstadt warten Armut, Arbeitslosigkeit, Verbrechen.

          Sie heißt Jabulile, Kosenamen Jabu, ist schwarz und die Tochter eines Methodistenpfarrers aus KwaZulu. Er heißt Steve, ist weiß und der Sohn einer jüdischen Mutter. Kennengelernt haben sich die beiden als Untergrundkämpfer des ANC, sie wurden „ein klandestines Paar“. Jetzt arbeitet sie als Rechtsanwältin, er ist Assistenzprofessor am chemischen Institut der Universität. Sindiswa, ihre Tochter, gilt ihnen als „der erste Abkömmling eines neuen Zeitalters“, Gary Elias, der Sohn, kommt dann schon in den scheinbar wohlgeordneten Vorstadt-Verhältnissen zur Welt.

          Außerliterarische Not

          Und ganz offenbar wohlgeordnet geht es auch in dieser Vorzeigefamilie des neuen Südafrika zu - bis Jabu eines Tages beim Aufräumen auf etwas neuerlich Klandestines stößt: „Versteckt, als wären es die Liebesbriefe einer anderen Frau“, hat Steve die Broschüren und Prospekte aus der Botschaft eines fremden Landes. „Australien“, liest Jabu, „braucht Ihr Fachwissen! Australien ruft!“

          Gut fünfhundert mit enormer Kraft, bisweilen auch mit Wut erzählte Romanseiten wendet Nadine Gordimer auf, um uns, den Lesern, das Unglaubliche plausibel, das Unerhörte verständlich und das ganze Ausmaß des Skandalons erfahrbar zu machen: Die neue Elite will das Land verlassen, Revolutionäre, aus denen Staatsbürger wurden, erwägen nun eine weitere, eine endgültige Emigration, nachdem viele von ihnen in der Zeiten der Apartheid zeitweise bei den afrikanischen Nachbarstaaten Zuflucht suchen mussten.

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