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: Nackte Russen in der Sauna

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Die Nachrichten, die diese Woche aus St. Petersburg und Jekaterinburg kamen, waren wenig erfreulich und klangen nach Kaltem Krieg: Unter dem Vorwand, er sei mit dem Auto in eine gesperrte Straße eingebogen und rieche dazu noch nach Alkohol, nahmen Verkehrspolizisten in St. Petersburg den Chef des ...

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          Die Nachrichten, die diese Woche aus St. Petersburg und Jekaterinburg kamen, waren wenig erfreulich und klangen nach Kaltem Krieg: Unter dem Vorwand, er sei mit dem Auto in eine gesperrte Straße eingebogen und rieche dazu noch nach Alkohol, nahmen Verkehrspolizisten in St. Petersburg den Chef des British Council fest; die Kollegen von der russischen Staatssicherheit luden seine Mitarbeiter zu einem Verhör, das sie als "instruktives" Gespräch verstanden wissen wollten. Andere bekamen nächtlichen Besuch von Milizinspektoren. Die Kulturinstitution, so die Ansage von russischer Seite, sei illegal. Die Mitarbeiter sollten sich mal besser nicht in deren "provokative Spiele" hineinziehen lassen.

          Es sind die alten erpresserischen Einschüchterungsmethoden: Großbritannien weigert sich, den Oligarchen Beresowskij und den mutmaßlichen Mörder Alexander Litwinenkos, Andrej Lugowoi, auszuliefern - also wird der British Council in die Zange genommen. Und fast wundert man sich, wenn man am Tag dieser Nachricht einen russischen Roman liest, in dem alles über genau diese Erpressungs- und Einschüchterungsmethoden steht - nur phantastischer, gewalttätiger. Einen Roman, der in einer düsteren Vision vom Jahr 2027 erzählt, im gleichen Atemzug die Zeit Iwans des Schrecklichen wieder heraufbeschwört und mit jeder Zeile doch nichts anderes meint als die Abgründe der Gegenwart. "Der Tag des Opritschniks" heißt das archaische Zukunftsmärchen, das diese Woche in deutscher Übersetzung erscheint. Es ist das neue Buch des Schriftstellers Wladimir Sorokin, der die Extreme nie vermieden hat, sich den Mund nicht verbieten ließe und von Mut in diesem Zusammenhang nicht einmal sprechen würde. "Die Literatur", so formuliert er es, "ist eine starke Droge, vor allem die russische Literatur. Für denjenigen, der nun mal ein russischer Schriftsteller geworden ist, ist diese Droge eine Hilfe in bestimmten Situationen. Sie hilft ihm nicht zuletzt, keine Angst zu haben und aufrichtig das zu schreiben, was er schreiben muss."

          Schriftsteller werden in Russland in Ruhe gelassen - "noch", sagt Sorokin. Dabei ist es nicht so, dass er selbst in der Vergangenheit keinen Ärger gehabt hätte: Vor sechs Jahren, als sein Roman "Der himmelblaue Speck" erschien, zeigte ihn Putins Jugendorganisation, "Die Zusammengehenden", wegen Verbreitung pornographischer Texte an - allerdings ohne Erfolg. Das Strafverfahren wurde ein Jahr später eingestellt. "Die russischen Machthaber erheben derzeit natürlich den Anspruch auf die Kontrolle über alles. Das folgt dem totalitären Prinzip und ist wie in der Sowjetzeit", meint er. "Es gibt aber bestimmte Felder, die noch nicht unter dieser Kontrolle stehen. Die Literatur ist bislang noch eine Zone, in der man relativ frei agieren kann. Wie lange das noch so bleibt, das kann niemand sagen." Wenn mit dem British Council innerhalb Russlands eine ausländische Kulturinstitution als bloßer Vorwand für diplomatische Schachzüge herhalten muss, ist das in jedem Fall auch für die Kultur im Land keine gute Nachricht.

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