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: Nachts, wenn die Zähnchen leuchten

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Gisela ist ein typisches Heidelbach-Mädchen: rätselhaft, launisch, sphinxisch. Gisela ist auch ein rechtes Ekel. Als Schiffbrüchige auf einer Insel gelandet, schikaniert sie dort die Erdmännchen. Die possierlichen Tiere sind freundliche Dienstleister, sie bekochen und beherbergen das Mädchen, tanzen und singen ihr was vor.

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          Gisela ist ein typisches Heidelbach-Mädchen: rätselhaft, launisch, sphinxisch. Gisela ist auch ein rechtes Ekel. Als Schiffbrüchige auf einer Insel gelandet, schikaniert sie dort die Erdmännchen. Die possierlichen Tiere sind freundliche Dienstleister, sie bekochen und beherbergen das Mädchen, tanzen und singen ihr was vor. Aber Gisela schmeckt die Macht. Sie ernennt sich zur Königin und verlangt zu guter Letzt einen Bikini - aus Erdmännchenfell.

          An dieser Stelle malt Nikolaus Heidelbach eines seiner typischen Bilder. Es ist nicht einmal das auffälligste unter den doppelseitigen Kompositionen, grade mal eine halbe Seite groß. Dunkle Farben. In der rechten oberen Bildecke hängt ein Mond und wirft ein kaltes Licht. Die Erdmännchen stehen aufrecht beieinander und scheinen nachdenklich. Der Bildtext erklärt die Sachlage: "In der Nacht beratschlagten die Erdmännchen noch lange, und zum ersten Mal konnte man ihre kleinen scharfen Raubtierzähne sehen."

          Tatsächlich, die Zähne leuchten, sehr klein und sehr spitz. Keiner kann so wie Nikolaus Heidelbach den Betrachter mit Details überraschen. Diese leuchtenden Zähnchen markieren die Wende in Königin Giselas Geschichte. Von nun ab ändert sich ihre Lage, und es ist sehenswert, was die Tiere anstellen, um die lästige Herrscherin loszuwerden. Am Ende treibt sie auf einem Floß aufs Meer hinaus. Ihr imposanter Kopfschmuck aus Pfauenfedern wirkt deplaziert, das hölzerne Erdmännchen als Galionsfigur wie der nackte Hohn. Sie sitzt steif wie jemand, der noch nicht richtig kapiert hat, was ihm geschehen ist: ins Bild umgesetzte Psychologie.

          Nach den großen Illustrationswerken legt der Kölner Bilderbuchautor Nikolaus Heidelbach mit "Königin Gisela" wieder eine eigene kleine Geschichte vor. Seine Erzählung vom Aufstand der Erdmännchen hat er in eine Rahmenhandlung eingepackt. Ein Mädchen, dessen Namen wir nicht erfahren, fährt allein mit dem Vater in den Urlaub ans Meer. Jeden Abend erzählt er ihr eine Einschlafgeschichte, nämlich die von Königin Gisela. Die verpackt er wie eine Fernsehserie in Fortsetzungen, unterbricht jedes Mal an der spannendsten Stelle und kommt mit dieser Methode über den ganzen Urlaub. Für den Betrachter entwickelt sich dagegen alles in einem Zug. Mit dem ersten Bild schon ist das Heidelbachsche Pandämonium eröffnet. Abfahrt von zu Hause, die Mutter winkt und hat ein Baby im Arm, drei Schatten hinterm Fenster erzählen von größerem Kindersegen. Da muß eine Woche Urlaub reichen. Die Insel wirkt very british (sieht aus wie Anacapa, die kleinste der Kanalinseln), die Hotelgäste mäßig animiert, das Meer langweilig.

          In Bewegung gerät Heidelbachs Bildwelt erst mit den Abenteuern Giselas. Der Zeichner hat sichtlich Spaß daran, die Tiere über die Seiten turnen zu lassen. Und Dienst-Erdmännchen können so komisch sein, wenn die Herrschaft ihnen alberne Hütchen verpaßt. Doch unter den Hütchen zeigen sie Eigensinn. Der Häuptling der Sippe spricht französisch, das ist ohne Logik und leuchtet sofort ein.

          Distanz ist ein wichtiges Mittel in diesem Buch. Giselas Machtexzeß hat der Autor auf eine exotische Insel verlegt, und auch die Rahmenhandlung rückt er aus der Gegenwart, etwa in die sechziger Jahre. Das Urlaubsauto könnte ein alter Opel sein, und im Hotelzimmer stehen Waschschüssel und Krug. So entsteht die visuelle Atmosphäre einer Kindheitserinnerung. "Ich glaube, das waren meine schönsten Ferien", heißt der letzte Satz des Mädchens ohne Namen.

          "Königin Gisela" hat freilich auch doppelten Boden und ist nur auf den ersten Blick harmlos. Heidelbach ist ein Bilderbuchautor, der Kinder und Erwachsene gleichermaßen als Leser im Blick hat. Kinder können wahrnehmen, wie das Geschehen zwischen Traum und Realität oszilliert - vielleicht ein Tagtraum am Strand? Die kunstvoll ausformulierte Herrschaftsphantasie könnte eine Idee des Vaters sein, um seine Tochter vom Herumkommandieren abzuhalten. Sie läßt sich jedoch auch lesen als Parabel auf die Dialektik von Herrschaft. Erst als Königin Gisela den Erdmännchen ans Fell will, ist Revolution angesagt. Und es zeigt sich, das Terrain war bereitet. Schon längst hatten die Erdmännchen listig dafür gesorgt, daß Gisela nicht die ganze Sippschaft kennenlernte und sich in Sicherheit wiegen konnte.

          Und weil Nikolaus Heidelbach ein Geschichtenerzähler ist, gibt er den Lesern auch noch eine Wahrheit über das Geschichtenerfinden und Geschichtenverstehen mit. Ob es denn gut ausgehen werde, fragt zwischendurch die Erzählerin besorgt, und der Vater antwortet gelassen: Kommt drauf an, für wen.

          FRITZ WOLF

          Nikolaus Heidelbach: "Königin Gisela". Beltz & Gelberg Verlag, Weinheim 2006. 32 S., geb., 14,90 [Euro]. Ab 5 J.

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