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Nabokovs Übersetzung und Kommentierung von „Eugen Onegin“ : Auf der Suche nach der Gräte der mageren Wahrheit

Bild: Verlag

Neben „Lolita“ sah Vladimir Nabokov die Übersetzung und Kommentierung von Puschkins „Eugen Onegin“ als sein Hauptwerk an. In der deutschen Werkausgabe bei Rowohlt fehlt sie - nun schließt der kleine Stroemfeld Verlag die schmerzliche Lücke.

          Dieser Herbst gehört zweiunddreißig Jahre nach seinem Tod Vladimir Nabokov – zumindest in Deutschland. Das liegt nicht am Romanfragment „Das Modell für Laura“, das Rowohlt wie zahlreiche andere Verlage in aller Welt mit viel Brimborium als Sensation verkaufen (Rezension: Vladimir Nabokovs „Das Modell für Laura“), sondern es liegt an einer Publikation, die beim Stroemfeld Verlag herauskommt: die Übersetzung von Puschkins „Eugen Onegin“ aus Nabokovs Feder samt seinem Kommentar dazu. Die beiden Bücher sind wie Tag und Nacht: die „Laura“ ein dünnes Nichts von einem Roman, der „Onegin“ ein voluminöses Wunder von einer Übersetzung. Und das im doppelten Sinne, denn die deutsche Ausgabe ist eine ebenso große Sensation, wie es vor fünfundvierzig Jahren die englische war.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          „Mit welcher Wonne versenkt sich ein Russe in Puschkins Welt!“ Als Nabokov diesen Freudenausruf schrieb, lebte er im Pariser Exil. Mit seiner Familie hatte der 1899 geborene Großbürgersohn 1918 das revolutionäre Russland verlassen, doch in der Literatur lebte seine alte Heimat für ihn weiter, und als deren Höhepunkt sah er Alexander Puschkin an: „Diejenigen von uns, die ihn wirklich kennen, weihen ihm einen Kult von unvergleichlicher Intensität und Reinheit, und in uns verbreitet sich Glanz, wenn die Überfülle seines Lebens unsere Seele heute überschwemmt.“

          Nabokov als Vermittler und Bewahrer Puschkins

          Nabokov verstand sich nicht nur als Leser und Schüler Puschkins, er wollte auch dessen Vermittler und Bewahrer sein. Das deutete sich bereits in einem Aufsatz an, den er 1937 in der „Nouvelle Revue Franaise“, der einflussreichsten literarischen Zeitschrift seines Gastgeberlands, publizierte. Der Text enthielt einige Übersetzungsproben von Puschkin-Versen ins Französische, darunter auch eine Strophe des Versromans „Eugen Onegin“.

          Damals vollzog Nabokov noch weitgehend treu das strenge Reimschema dieser jeweils vierzehnzeiligen jambischen Strophen nach. Nachdem er aber 1941 vor den Deutschen in die Vereinigten Staaten geflohen war und dort seine Übersetzungsversuche, nun im Englischen, weiterführte, kam er 1955 schließlich zu drei Schlüssen: „1. Eine gereimte Übersetzung des Onegin ist unmöglich. 2. Es ist hingegen möglich, in einer Reihe von Fußnoten die Modulationen und Reime des Textes und ebenso alle seine Assoziationen und besonderen Merkmale zu beschreiben. 3. Es ist ebenfalls möglich, Onegin einigermaßen sinngetreu zu übersetzen, indem die vierzehn gereimten vierhebigen Zeilen jeder Strophe durch vierzehn reimlose Zeilen von verschiedener Länge ersetzt werden, vom iambischen Dimeter bis zum iambischen Pentameter.“

          Verzwickte Wege der Übersetzung

          Nabokov war 1955 mitten in der Arbeit nicht nur an seiner Onegin-Übersetzung, sondern auch am begleitenden Kommentar, der die zweite Feststellung einlösen sollte. Von Fußnoten allerdings war keine Rede, denn die Textmenge des Kommentars überstieg die der eigentlichen Übersetzung um mehr als das Fünffache. Entsprechend schwer war es, einen Verlag dafür zu finden. Nachdem er das Vorhaben 1958 beendet hatte, brauchte Nabokov noch einmal sechs Jahre, um die Herausgabe der insgesamt vier Bände zu verwirklichen.

          Die Geschichte der deutschen Übersetzung dieses Mammutwerks ist kaum weniger verzwickt. Dass sie überhaupt erscheint, verdanken wir natürlich dem unermüdlichen Dieter E. Zimmer, der beim Rowohlt Verlag die deutsche Werkausgabe herausgibt, nach Meinung aller Kenner die beste weltweit. Doch Nabokovs Onegin (und so darf man dieses Werk wohl nennen, nachdem der stolze Nabokov im Vorwort davon spricht, dass er Puschkins Verse „in mein Englisch“ gebracht habe) erscheint wie erwähnt beim Stroemfeld Verlag, obwohl Format und Aufmachung der Rowohlt-Werkausgabe entsprechen? Wie das?

          Ablehnung aus Kostengründen

          Dazu muss man zurückgehen bis 1989, als Zimmer den Editionsplan seiner Nabokov-Ausgabe bekanntgab, die bis 1996 hätte abgeschlossen sein sollen. Das Onegin-Buch fehlt darin, und es taucht bis heute, da wir immer noch auf die letzten Bände warten, auch nicht im Verzeichnis der Reihe auf, obwohl die ursprüngliche Zahl der geplanten Bände schon um drei vermehrt wurde. Tatsächlich aber hatte Zimmer 1999 mit Sabine Baumann eine Übersetzerin aus dem Englischen und Russischen gefunden, die nicht nur den englischen Kommentar, sondern auch den originalen Onegin gemäß Nabokovs Prinzipien und unter Berücksichtigung seiner englischen Übersetzung ins Deutsche bringen sollte. Rowohlt stimmte zu, und 2002 war die Arbeit bereits abgeschlossen, doch nun lehnte der Verlag eine Publikation aus Kostengründen ab. Ein Jammer, denn damit verweigert man Zimmers Werkausgabe den Schlussstein.

          Diese Lücke hat Stroemfeld mit seinem stets von manischen Projekten faszinierten Verleger KD Wolff nun geschlossen. Nicht nur, dass wir dadurch eine neue Übertragung des „Onegin“ bekommen, die sich klarer liest als alle bisherigen; wir erhalten auch ein gedrucktes Spiegelbild Vladimir Nabokovs. In keines seiner Bücher floss so viel Mühe ein wie in die Onegin-Kommentierung, und in keinem wird das stupende Wissen dieses Schriftstellers, seine Akribie, aber auch seine Egozentrik so deutlich wie in diesem.

          Ein Quell unbegrenzten Vergnügens

          Gekürzt um die Ausführungen Nabokovs zur Vergleichbarkeit russischer und englischer Metrik, die wenig Erhellendes zur deutschen Fassung hätten beitragen können, stellt der gewaltige Rest immer noch eine Herausforderung an die Leser dar, die aber versüßt wird durch die Intelligenz ihres Autors: Die auf Deutsch insgesamt mehr als 1630 Seiten sind ein Quell unbegrenzten Vergnügens. Es finden sich hinreißende kleine Essays (und als Anhang auch ein großer über Puschkins Urgroßvater mütterlicherseits, den angeblich abessinischen Mohr Abram Gannibal) in den Kommentaren, etwa zu Puschkins Schulbildung, zu seinen Duellen, deren letztes ihn 1837 das Leben kosten sollte, zu Themen wie Gänseleber, Langeweile oder Romantik und vor allem zu literarischen Einflüssen. Nabokov hatte 1959 in einem Interview behauptet: „Für meine Arbeit über Puschkin habe ich die ganze französische Literatur bis Chateaubriand und die ganze englische Literatur bis Byron gelesen oder wiedergelesen.“ Man möchte ihm fast glauben.

          Gedankt wurde diese Herkulesarbeit Nabokov nicht. Zu ungewohnt war vor allem sein Verzicht aufs Reimschema des „Onegin“, den er gegenüber seinem Freund Edmund Wilson in einem Brief vom 24. März 1957 so begründete: „Jetzt zerbreche ich den Text, verbanne alles, was die Ehrlichkeit für verbalen Samt halten könnte, und heiße dafür die unbeholfene Wendung willkommen, die Gräte der mageren Wahrheit.“ Auf den ersten Seiten des 1963 verfassten Vorworts zu seinem Onegin wird dieses Verfahren noch radikaler gerechtfertigt: „Der Vollständigkeit der Bedeutung habe ich jedes formale Element inklusive des jambischen Rhythmus geopfert, wann immer seine Beibehaltung der Treue im Weg stand. Meinem Ideal der Wörtlichkeit habe ich alles geopfert (Eleganz, Wohlklang, Klarheit, guten Geschmack, heutigen Wortgebrauch und sogar die Grammatik), was der gespreizte Nachahmer höher schätzt als Wahrheit.“

          Vom Freund verrissen

          Leider erwiesen sich die meisten Leser des Buchs als Anhänger solcher gespreizten Nachahmer, und besonders galt das für Wilson, mit dem Nabokov immerhin 1941 gemeinsam einen Puschkin-Text, „Mozart und Salieri“, übersetzt hatte. Ausgerechnet dieser Freund trat in die erste Reihe der Kritiker und rezensierte den Nabokovschen Onegin 1965 in der „New York Review of Books“ so: „Es ist dabei eine kahle und unbeholfene Sprache herausgekommen, die mit Puschkin oder Nabokovs normalem Stil nichts gemein hat. Es kommt einem der Verdacht, . . . dass Mr. Nabokov – mit seinen sadomasochistischen, dostojewskischen Neigungen, die Sartre so genau erkannt hat – sowohl den Leser wie sich selber zu foltern sucht, indem er Puschkin verflacht und seinen eigenen Fähigkeiten die Entfaltung in ihrer ganzen Breite vorenthält.“

          Wie steht es um diese Behauptung? In der jüngsten deutschen Übersetzung, die sich an Puschkins Versstruktur hält, 1981 von Ulrich Busch angefertigt, hebt die erste Strophe des achten Kapitels so an: „Als ich in fernen Jugendtagen / im Garten des Lyzeums saß / und Apulejus mit Behagen, / doch Cicero nur ungern las, / da war’s, dass unter alten Bäumen, / am stillen Tag wo Schwäne träumen, / im Frühling auf verschwiegnem Pfad / die Muse plötzlich zu mir trat.“

          Kein Zugang zu Puschkins Handschriften

          Sabine Baumann übersetzt nach Nabokovs Prinzip: „In jenen Tagen, als in den Lyzeumsgärten / ich ungestört erblühte, / las ich begierig Apuleius, / Cicero hingegen las ich nicht; / in jenen Tagen, in geheimnisvollen Tälern / im Frühling, unter Schwanenrufen, / nahe Wassern, die in der Stille glitzerten, / begann die Muse mir zu erscheinen.“ Der Unterschied ist deutlich: Baumann vollzieht präzise die Wortwahl Puschkins nach, bis hin zur Stellung in der jeweiligen Zeile, weil Nabokov dem Inhalt den Vorzug gibt, während Busch seiner Überzeugung folgte, dass „nur in dieser Versform der besondere poetische Reiz von Puschkins ‚Roman‘ zum Vorschein kommen kann“.

          Edmund Wilson hätte Busch den Vorzug gegeben. Nabokov aber war sich seiner Sache gewohnt sicher, obwohl seine Übersetzung und der Kommentar auf wenig Beifall bei Slawisten stießen. „Meine Fakten“, hielt er seinen Kritikern vor, „sind objektiv und unwiderlegbar. Ich bleibe mit Puschkin in Puschkins Welt.“ Das war vor allem auf all jene gemünzt, die aus Puschkin einen Gesinnungsautor machen wollten, namentlich die sowjetische Literaturwissenschaft. N. L. Brodskij zum Beispiel, den Kommentator des „Eugen Onegin“ für sowjetische Gymnasiallehrer, verspottet Nabokov stets als den „unglaublichen“. Er verübelte dem Moskauer Regime neben dessen Politik auch, dass er als Emigrant nicht die in Russland aufbewahrten Handschriften Puschkins studieren konnte.

          Eine bewundernswerte Übersetzungsleistung

          Dennoch enthält Nabokovs Kommentar jede seinerzeit bekannte Manuskriptzeile. Das macht Sabine Baumanns Übersetzung nebenbei auch zur vollständigsten Fassung des „Eugen Onegin“ in deutscher Sprache. Die Übersetzerin ist zu bewundern für ihre Leistung, denn sie hat die von Nabokov bevorzugte Lakonie bei Puschkin streng bewahrt. Dass Dieter E. Zimmer ihr als Berater zur Seite stand, ist dann wiederum dem Nabokovschen Tonfall der Kommentare entgegengekommen. Wir haben hier also eine neue Standardausgabe für Puschkin wie Nabokov gleichermaßen, für die Baumann so genau recherchiert hat, dass sie einmal sogar Nabokov selbst korrigieren kann, wenn es um das Datum eines Puschkin-Briefes geht.

          Vorbildlicher, als es hier geschehen ist, kann man mit einem Buch als Übersetzerin kaum umgehen. Sie hat damit Nabokov einen Traum erfüllt, denn er sah in seinem Puschkin-Projekt auch eine maßgebliche Hilfe für weitere Übertragungen. In einem Gespräch mit „Le Figaro“ hatte er 1973, vier Jahre vor seinem Tod, geklagt: „Ich kann nicht verstehen, weshalb kein französischer Gelehrter den Eugen Onegin in wortgetreue Prosa übersetzt, mit den Kommentaren und Erklärungen, die ich in meinem vierbändigen, englisch geschriebenen Werk liefere. Was ist das für eine neue Gleichgültigkeit des französischen Lesers gegenüber wirklich bedeutenden Werken?“ Den deutschen Lesern könnte er diesen Vorwurf nun nicht mehr machen. Wir haben nicht nur die beste Nabokov-Ausgabe der Welt, sondern auch den besten Onegin.

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