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Nabokovs Übersetzung und Kommentierung von „Eugen Onegin“ : Auf der Suche nach der Gräte der mageren Wahrheit

Wie steht es um diese Behauptung? In der jüngsten deutschen Übersetzung, die sich an Puschkins Versstruktur hält, 1981 von Ulrich Busch angefertigt, hebt die erste Strophe des achten Kapitels so an: „Als ich in fernen Jugendtagen / im Garten des Lyzeums saß / und Apulejus mit Behagen, / doch Cicero nur ungern las, / da war’s, dass unter alten Bäumen, / am stillen Tag wo Schwäne träumen, / im Frühling auf verschwiegnem Pfad / die Muse plötzlich zu mir trat.“

Kein Zugang zu Puschkins Handschriften

Sabine Baumann übersetzt nach Nabokovs Prinzip: „In jenen Tagen, als in den Lyzeumsgärten / ich ungestört erblühte, / las ich begierig Apuleius, / Cicero hingegen las ich nicht; / in jenen Tagen, in geheimnisvollen Tälern / im Frühling, unter Schwanenrufen, / nahe Wassern, die in der Stille glitzerten, / begann die Muse mir zu erscheinen.“ Der Unterschied ist deutlich: Baumann vollzieht präzise die Wortwahl Puschkins nach, bis hin zur Stellung in der jeweiligen Zeile, weil Nabokov dem Inhalt den Vorzug gibt, während Busch seiner Überzeugung folgte, dass „nur in dieser Versform der besondere poetische Reiz von Puschkins ‚Roman‘ zum Vorschein kommen kann“.

Edmund Wilson hätte Busch den Vorzug gegeben. Nabokov aber war sich seiner Sache gewohnt sicher, obwohl seine Übersetzung und der Kommentar auf wenig Beifall bei Slawisten stießen. „Meine Fakten“, hielt er seinen Kritikern vor, „sind objektiv und unwiderlegbar. Ich bleibe mit Puschkin in Puschkins Welt.“ Das war vor allem auf all jene gemünzt, die aus Puschkin einen Gesinnungsautor machen wollten, namentlich die sowjetische Literaturwissenschaft. N. L. Brodskij zum Beispiel, den Kommentator des „Eugen Onegin“ für sowjetische Gymnasiallehrer, verspottet Nabokov stets als den „unglaublichen“. Er verübelte dem Moskauer Regime neben dessen Politik auch, dass er als Emigrant nicht die in Russland aufbewahrten Handschriften Puschkins studieren konnte.

Eine bewundernswerte Übersetzungsleistung

Dennoch enthält Nabokovs Kommentar jede seinerzeit bekannte Manuskriptzeile. Das macht Sabine Baumanns Übersetzung nebenbei auch zur vollständigsten Fassung des „Eugen Onegin“ in deutscher Sprache. Die Übersetzerin ist zu bewundern für ihre Leistung, denn sie hat die von Nabokov bevorzugte Lakonie bei Puschkin streng bewahrt. Dass Dieter E. Zimmer ihr als Berater zur Seite stand, ist dann wiederum dem Nabokovschen Tonfall der Kommentare entgegengekommen. Wir haben hier also eine neue Standardausgabe für Puschkin wie Nabokov gleichermaßen, für die Baumann so genau recherchiert hat, dass sie einmal sogar Nabokov selbst korrigieren kann, wenn es um das Datum eines Puschkin-Briefes geht.

Vorbildlicher, als es hier geschehen ist, kann man mit einem Buch als Übersetzerin kaum umgehen. Sie hat damit Nabokov einen Traum erfüllt, denn er sah in seinem Puschkin-Projekt auch eine maßgebliche Hilfe für weitere Übertragungen. In einem Gespräch mit „Le Figaro“ hatte er 1973, vier Jahre vor seinem Tod, geklagt: „Ich kann nicht verstehen, weshalb kein französischer Gelehrter den Eugen Onegin in wortgetreue Prosa übersetzt, mit den Kommentaren und Erklärungen, die ich in meinem vierbändigen, englisch geschriebenen Werk liefere. Was ist das für eine neue Gleichgültigkeit des französischen Lesers gegenüber wirklich bedeutenden Werken?“ Den deutschen Lesern könnte er diesen Vorwurf nun nicht mehr machen. Wir haben nicht nur die beste Nabokov-Ausgabe der Welt, sondern auch den besten Onegin.

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