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Nabokovs Übersetzung und Kommentierung von „Eugen Onegin“ : Auf der Suche nach der Gräte der mageren Wahrheit

Dazu muss man zurückgehen bis 1989, als Zimmer den Editionsplan seiner Nabokov-Ausgabe bekanntgab, die bis 1996 hätte abgeschlossen sein sollen. Das Onegin-Buch fehlt darin, und es taucht bis heute, da wir immer noch auf die letzten Bände warten, auch nicht im Verzeichnis der Reihe auf, obwohl die ursprüngliche Zahl der geplanten Bände schon um drei vermehrt wurde. Tatsächlich aber hatte Zimmer 1999 mit Sabine Baumann eine Übersetzerin aus dem Englischen und Russischen gefunden, die nicht nur den englischen Kommentar, sondern auch den originalen Onegin gemäß Nabokovs Prinzipien und unter Berücksichtigung seiner englischen Übersetzung ins Deutsche bringen sollte. Rowohlt stimmte zu, und 2002 war die Arbeit bereits abgeschlossen, doch nun lehnte der Verlag eine Publikation aus Kostengründen ab. Ein Jammer, denn damit verweigert man Zimmers Werkausgabe den Schlussstein.

Diese Lücke hat Stroemfeld mit seinem stets von manischen Projekten faszinierten Verleger KD Wolff nun geschlossen. Nicht nur, dass wir dadurch eine neue Übertragung des „Onegin“ bekommen, die sich klarer liest als alle bisherigen; wir erhalten auch ein gedrucktes Spiegelbild Vladimir Nabokovs. In keines seiner Bücher floss so viel Mühe ein wie in die Onegin-Kommentierung, und in keinem wird das stupende Wissen dieses Schriftstellers, seine Akribie, aber auch seine Egozentrik so deutlich wie in diesem.

Ein Quell unbegrenzten Vergnügens

Gekürzt um die Ausführungen Nabokovs zur Vergleichbarkeit russischer und englischer Metrik, die wenig Erhellendes zur deutschen Fassung hätten beitragen können, stellt der gewaltige Rest immer noch eine Herausforderung an die Leser dar, die aber versüßt wird durch die Intelligenz ihres Autors: Die auf Deutsch insgesamt mehr als 1630 Seiten sind ein Quell unbegrenzten Vergnügens. Es finden sich hinreißende kleine Essays (und als Anhang auch ein großer über Puschkins Urgroßvater mütterlicherseits, den angeblich abessinischen Mohr Abram Gannibal) in den Kommentaren, etwa zu Puschkins Schulbildung, zu seinen Duellen, deren letztes ihn 1837 das Leben kosten sollte, zu Themen wie Gänseleber, Langeweile oder Romantik und vor allem zu literarischen Einflüssen. Nabokov hatte 1959 in einem Interview behauptet: „Für meine Arbeit über Puschkin habe ich die ganze französische Literatur bis Chateaubriand und die ganze englische Literatur bis Byron gelesen oder wiedergelesen.“ Man möchte ihm fast glauben.

Gedankt wurde diese Herkulesarbeit Nabokov nicht. Zu ungewohnt war vor allem sein Verzicht aufs Reimschema des „Onegin“, den er gegenüber seinem Freund Edmund Wilson in einem Brief vom 24. März 1957 so begründete: „Jetzt zerbreche ich den Text, verbanne alles, was die Ehrlichkeit für verbalen Samt halten könnte, und heiße dafür die unbeholfene Wendung willkommen, die Gräte der mageren Wahrheit.“ Auf den ersten Seiten des 1963 verfassten Vorworts zu seinem Onegin wird dieses Verfahren noch radikaler gerechtfertigt: „Der Vollständigkeit der Bedeutung habe ich jedes formale Element inklusive des jambischen Rhythmus geopfert, wann immer seine Beibehaltung der Treue im Weg stand. Meinem Ideal der Wörtlichkeit habe ich alles geopfert (Eleganz, Wohlklang, Klarheit, guten Geschmack, heutigen Wortgebrauch und sogar die Grammatik), was der gespreizte Nachahmer höher schätzt als Wahrheit.“

Vom Freund verrissen

Leider erwiesen sich die meisten Leser des Buchs als Anhänger solcher gespreizten Nachahmer, und besonders galt das für Wilson, mit dem Nabokov immerhin 1941 gemeinsam einen Puschkin-Text, „Mozart und Salieri“, übersetzt hatte. Ausgerechnet dieser Freund trat in die erste Reihe der Kritiker und rezensierte den Nabokovschen Onegin 1965 in der „New York Review of Books“ so: „Es ist dabei eine kahle und unbeholfene Sprache herausgekommen, die mit Puschkin oder Nabokovs normalem Stil nichts gemein hat. Es kommt einem der Verdacht, . . . dass Mr. Nabokov – mit seinen sadomasochistischen, dostojewskischen Neigungen, die Sartre so genau erkannt hat – sowohl den Leser wie sich selber zu foltern sucht, indem er Puschkin verflacht und seinen eigenen Fähigkeiten die Entfaltung in ihrer ganzen Breite vorenthält.“

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