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: Moskau popelt in der Nase

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Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir: Wer heute eine Erzählung und einen ganzen Band "de profundis" nennt, beschwört mit dem 130. Psalm notwendig die Kunst als Gedächtnis des Leidens - von der herzzerreißenden Kantate Bachs bis zur bitteren Ironie von Oscar Wildes Brief aus dem Zuchthaus, in dem ...

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          Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir: Wer heute eine Erzählung und einen ganzen Band "de profundis" nennt, beschwört mit dem 130. Psalm notwendig die Kunst als Gedächtnis des Leidens - von der herzzerreißenden Kantate Bachs bis zur bitteren Ironie von Oscar Wildes Brief aus dem Zuchthaus, in dem sich der Dichter noch in der tiefsten Entwürdigung emphatisch zum Erscheinenden bekennt. Am Bewusstsein für das Leiden hat es in der dissidentischen russischen Intelligenz wahrhaftig nicht gefehlt; aus der Gegenwartsliteratur aber, wie sie nach der Wende mit Vladimir Sorokin, Viktor Jerofejew oder Ljudmila Petruschewskaja wie über Nacht zu internationalen Erfolgen gelangte, ist das melancholische Pathos Pasternaks oder der gravitätische Ernst Solschenizyns ganz verschwunden.

          Auf die Absurditäten der neuen russischen Wirklichkeit reagierte sie in den neunziger Jahren mit Schockeffekten, die jede Tiefe negierten, und nicht selten mit spätpubertär anmutenden Albernheiten unter der Gürtellinie. Die kann Viktor Jerofejew auch kurz vor dem sechzigsten Lebensjahr noch nicht lassen, obwohl er über sehr viel feinere literarische Mittel verfügt. Von Nikolai Gogols Erzählungen wie "Newski Prospekt" oder "Der Mantel" hat er gelernt, wie man präzise Beschreibungen des Sichtbaren zu beunruhigender Dämonie überschreitet. Von Gogols satirischem Takt und seiner erzählerischen Zurückhaltung aber hat Jerofejew nach wie vor nichts angenommen. Seine Ich-Erzähler haben vielmehr etwas Wichtigtuerisches an sich und verfallen nicht nur in der Zote oft und gern in eine unangenehme Geschwätzigkeit, in der sie mehr oder minder ironisch Gemeinplätze mitteilen: "Von Natur aus bin ich ein neugieriger Mensch, ja zugegebenermaßen sogar ein Voyeur. Dies ist überhaupt ein Charaktermerkmal der schöpferischen Persönlichkeit. Voyeurismus ist mehr als eine Leidenschaft, das ist, kann man sagen, eine Berufung."

          Wie mutwillig unterbricht Jerofejew immer wieder seine Beschreibungskunst, um ohne Rücksicht auf bildliche Stimmigkeit alte Klischees aktualisierend breitzutreten, wie das von der Hure Babylon: "Moskau ist bis heute eine horizontale weibliche Stadt mit ihrem Kreml, dem Schoß einer immer noch geheimen, rätselhaften Macht, umgeben vom Boulevardring. Konzentrisch, rund wie ein Gebäckkringel, liegt sie ausgebreitet auf dem Bett der russischen Ebene, in schläfriger Erschöpfung liegt sie da mit ihren Zwiebelkuppelbrüsten und popelt in der Nase." Überhaupt verwundert es den westlichen Leser, dass so ziemlich alle Stereotype des Russischen, die er im Kopf hat, bei Jerofejew tatsächlich auch vorkommen, wenngleich meistens als satirisches Dementi. "Die Matrjoschka ist eine japanische Erfindung." Das ist oft lustig, oft aber schlicht öde. Es entsteht der Eindruck, dass Jerofejew vor allem für eine internationale Galerie schreibt, die sich an den schrägen russischen Verhältnissen ergötzen soll.

          Was in seinem ersten Roman "Die Moskauer Schönheit" (1989) noch überraschend erschien und zweifellos zu einer Befreiung der russischen Literatur beitrug, wirkt inzwischen etwas abgestanden. Zumal die russischen Debütanten der letzten Jahre wie Michail Jelisarow oder Irina Deneschkina keine Veranlassung mehr sehen, Tabus zu brechen und sich kreischend am sozialistischen Realismus abzuarbeiten. Das Können Jerofejews kommt jedenfalls in diesem Band nur stellenweise zur Geltung.

          Wer den fulminanten postmodernen Erzähler kennenlernen und zugleich etwas über die prekäre Herkunft des Autors erfahren möchte, der sollte lieber zu der mitreißenden romanhaften Doppelbiographie "Der gute Stalin" (2004) greifen. Den vorliegenden Band, in dem nur die Titelgeschichte einigermaßen zu überzeugen vermag, kann der Leser bei Interesse danach in gemessener Dosis zu sich nehmen.

          FRIEDMAR APEL

          Viktor Jerofejew: "de profundis". Erzählungen. Aus dem Russischen übersetzt von Beate Rausch. Berlin Verlag, Berlin 2006. 144 S., geb., 16,- [Euro].

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