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Moritz von Uslar: Deutschboden : Nachrichten aus dem wilden Osten

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Bild: Verlag

Moritz von Uslar hat drei Monate in der Brandenburgischen Provinz verbracht. Sein Bericht überzeugt, weil er nicht klüger sein will als das Klischee.

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          Zumindest in Berlin gibt es kaum jemanden jenseits der dreißig, der in den letzten Jahren nicht mehr oder weniger ernsthaft darüber nachgedacht hat, sich ein kleines Häuschen im Umland zu kaufen, sei es für die Wochenenden, sei es als festen Wohnsitz. Raus ins Brandenburgische, das ist zur neuen Spießigkeit derer geworden, die sich nach der Wende in Mitte und im Prenzlauer Berg ein geschmackvoll durchgestyltes Leben eingerichtet haben und nun auf der Suche nach ein wenig Ursprünglichkeit sind. Dass dennoch Ratlosigkeit die Runde bestimmt, als Moritz von Uslar das erste Mal sein Brandenburg-Projekt verkündet, liegt daran, dass sein Plan so gar nichts mit der allerorten um sich greifenden Eigenheimromantik zu tun hat. Drei Monate will Uslar in ein kleines brandenburgisches Städtchen gehen, um zu beobachten, was das für ein Leben ist, das die ganz normalen Menschen führen, diejenigen, die nicht nach ökologischen Gesichtspunkten ein altes Haus renoviert haben, sondern dort aufgewachsen sind. „Ich will dahin, wo Leute in strahlend weißen Trainingsanzügen an Tankstellen rumstehen und ab und an einen Spuckefaden zu Boden fallen lassen!“

          „Deutschboden“, das Resultat dieses Projekts, ist mithin gleich in zweifacher Hinsicht eine fast vierhundert Seiten schwere Reportage zu zwanzig Jahren Wiedervereinigung. Was Uslar als „teilnehmende Beobachtung“ untertitelt, ist nicht nur eine Nahaufnahme der ostdeutschen Provinz. Mindestens genauso eingehend, vielleicht sogar noch ein wenig mehr dokumentiert werden die Ressentiments der arrivierten Westdeutschen, unter denen Uslar, der Salem-Schüler, ein nur allzu mustergültiges Exemplar ist. „Ich haue ab von hier, dorthin, wo kaum ein Mensch je vor uns war“, erklärt er anfangs beim Steak seinen Freunden – freilich ist Uslar zu klug, als dass ihm die Hybris, die in diesem Satz steckt, zufällig unterlaufen sein könnte.

          Grillfleisch in der Videothek

          Diese Hybris aber ist Teil von Uslars Konzept, das allem voran in der unbedingten Vermeidung jeglichen falschen Gutmenschentums besteht. Seine Vorurteile gegen Spuckefaden absondernde Hartz- IV-Empfänger und die vermeintliche Allgegenwärtigkeit von Neonazis zelebriert Uslar geradezu. Als er sich ins Auto setzt, um einen passenden Ort für seine Feldforschung zu suchen – Voraussetzungen: nicht zu klein, aber mit Boxclub, in dem er zu trainieren gedenkt –, tendiert seine Emphase gegen null. Fast hat man den Eindruck, er fahre nur, um vor seinen Freunden nicht gekniffen zu haben, nachdem er das Projekt großspurig angekündigt hat.

          Wer mag, kann leicht herausfinden, dass die 14 000-Einwohner-Stadt, in der Uslar schließlich landet, nachdem er eine ganze Reihe anderer Ort als ungeeignet für sein Unternehmen befunden hat, Zehdenick ist, knapp sechzig Kilometer vor Berlin. Uslar selbst retuschiert Orts- und Straßennamen notdürftig, nennt Zehdenick Oberhavel oder die Berliner Straße Spandauer Straße. Ebendort quartiert er sich in einem Hotel ein, das selbstverständlich einigermaßen deprimierend ist. Immerhin hat es einen freundlich kalauernden Wirt und eine, wie Uslar findet, recht süße Bedienung zu bieten, die ihre von einem der überproportional vielen Nagelstudios der Stadt manikürten Hände allerdings fast ohne Pause ins Spülwasser hält und mit unerschütterlicher Trägheit auf seine Flirtversuche reagiert.

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