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Monika Maron: Zwei Brüder : Lichter in der Dunkelkammer

Monika Maron: Zwei Brüder, S.Fischer Bild: S.Fischer

Monika Marons gesammelten Essays „Zwei Brüder“ bedienen nicht das Klischee von ostdeutschen, nörgelnden Versagern. Vielmehr erzählt sie von Menschen, die versuchen, etwas aus sich zu machen und erkennt darin Heterogenität, Individualität und Vielfalt.

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          Vielleicht, schreibt Monika Maron im September 1999, zehn Jahre nach dem Fall der Mauer, „vielleicht ist es ja die Peinlichkeit des Guten, die einen Journalisten, der sich in der Regel als kritischer Journalist versteht, daran hindert, auch das Gewordene zu benennen und nicht nur das Fehlende“. Zehn weitere Jahre später hat die Berliner Schriftstellerin, die selbst einmal Journalistin war, dann ein Buch geschrieben, das genau das tut, das also das Gewordene benennt, ohne das Fehlende zu vergessen: „Bitterfelder Bogen“ heißt es und erzählt die komplizierte Erfolgsgeschichte der notorischsten Industrielandschaft Ostdeutschlands, in der sich heute Hochtechnologie angesiedelt hat und Arbeitsplätze und vor allem, endlich, saubere Landschaften entstanden sind. Eine individuelle Geschichte, aber bei allem Abwicklungshorror nach 1990 eben auch kein Einzelfall. Darauf besteht Monika Maron, wie man in den gesammelten Essays lesen kann, die jetzt zu zwanzig Jahren deutscher Einheit als „Zwei Brüder“ neu aufgelegt worden sind: Auf Heterogenität, Individualität, Vielfalt.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Menschen im Osten der Bundesrepublik sind immer wieder anders, kein Leidenskollektiv, kein Club von nörgelnden Versagern. Sondern auch Unternehmer, Studenten, Büdchenbesitzer, Menschen, die versuchen, etwas aus sich zu machen. Egal ob 1989, 1995, 2002 oder 2009: Monika Maron wiederholt das in diesen sechzehn Reden und Artikeln, wieder und wieder. „Die Ostdeutschen aus ihrem Kollektivstatus in die Individualität zu entlassen“, darum geht es ihr, das fordert sie 1999, zehn Jahre, nachdem es eigentlich schon geschehen war, unbemerkt von Einheitsdeutern wie Günter Grass, den sie 2009, in einer Rezension für die „Süddeutsche Zeitung“, die hier leider fehlt, ein für alle Mal für unzuständig erklärt: Weil er sich Ostdeutsche eben nur als Verlierer vorstellen könne, als betrogene Masse, nicht aber als souveräne, kluge, starke Partner.

          Marons Metaphern klappen nicht immer

          Monika Marons Metaphern für Ost und West ändern sich im Laufe der zwanzig Jahre seit dem ersten Text dieses Bandes: 1995 schreibt sie von zwei Brüdern, die gemeinsam ein Ding drehten, aber nur einer wird bestraft; die DDR ist für sie einmal wie eine Dunkelkammer, in der sich ihre Bewohner warm eingerichtet haben, bis Licht einfällt und das Elend sichtbar wird. Als nach 2000 die Hirnforschung Konjunktur hat, werden dann auch die Bilder biologistischer und Wahrnehmungsprobleme neurologisch umgedeutet.

          Das haut mal hin - die Parabel von den verbrecherischen Brüdern Helmut und Manfred ist bitter, aber sehr gut -, mal weniger. Am klarsten, mitreißendsten, schönsten sind die Texte von Monika Maron aber immer dann, wenn sie auf Metaphern verzichtet, denn sie mag ja selbst nicht mehr von der „Mauer in den Köpfen“ hören. Wenn sie also zum Beispiel schreibt: „Es mag frivol klingen, aber es ist die Wahrheit: Ich habe unter der Stasi weniger gelitten als unter den Kellnern und Taxifahrern. Die Stasi konnte ich ignorieren, ich brauchte sie nicht.“ Oder wenn sie einfach nur von ihrem Ost-Berliner Postboten erzählt, einem Kümmerling von jungem Mann, der nach 1990 aufblüht, studiert und endlich wird, was er immer sein wollte: Altphilologe. „Er sei nur froh, sagte er, nur froh.“

          Wie ein Pamphlet gegen banale Formeln

          Oder wenn sie Stephan Heym im Februar 1990 in kältester Kälte, aber furchtlos gegenüber Vorwürfen, die ihr das selbst einbringen könnte, einfach vorrechnet, was er verdient mit seinen Essays für den „Spiegel“, in denen er dann Ostdeutsche als Shoppingmonster abkanzelt, die wieder mal brav Schlange stehen, statt für den wahren Sozialismus zu arbeiten. „Die Arroganz des Satten, der sich vor den Tischmanieren eines Ausgehungerten ekelt“, schreibt Monika Maron. „Diese Revolution war kein Aufbruch in die Utopie, sondern ein verzweifelter Sprung aus der Vergangenheit in die Gegenwart.“

          Diesen Satz hat sie auch an die vom Osten enttäuschten westdeutsche Intellektuellen gerichtet, an Grass oder Günter Gaus. Den Ostdeutschen, die klagen über die ausbleibenden blühenden Landschaften, sagt sie: „Wer hat sie gezwungen, Kohl zu glauben? Welchen Grund hatten sie überhaupt, nach vierzig Jahren DDR irgendeinem Politiker mehr zu glauben als den eigenen Augen?“ Wenn Monika Maron überhaupt etwas verlangt, dann mehr Selbstbewusstsein. Und den immer anstrengenden, aber auch immer glücklich machenden Einsatz des eigenen Kopfes gegen die Dummheiten aller banalen Formeln und einfachen Erklärungen.

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