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Monika Maron: Bitterfelder Bogen : Von der Wuseltronik zur Weltfirma

Bild: S. Fischer Verlag

1959 verordnete die DDR der Literatur den „Bitterfelder Weg“. Fünfzig Jahre danach veröffentlicht Monika Maron die Reportage „Bitterfelder Bogen“: eine originelle Rückkehr zu ihren Anfängen.

          4 Min.

          Die dreißig Kilometer nördlich von Leipzig gelegene Stadt Bitterfeld hat einen festen Platz in der jüngeren Geschichte der deutschen Literatur. Das liegt an einer kulturpolitischen Aufwallung der DDR – und an der Erzählerin Monika Maron.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          1959, vor einem halben Jahrhundert, rief der in Halle ansässige Mitteldeutsche Verlag im Verein mit der Staatspartei SED um die hundertfünfzig Schriftsteller aus der DDR und etwa dreihundert schreibende Arbeiter, sogenannte „Volkskorrespondenten“, zu einer Konferenz in den sogenannten Kulturpalast des realsozialistischen Chemiekombinats Bitterfeld. Walter Ulbricht, Erster Sekretär des ZK der SED, hielt das Grundsatzreferat, in dem er die enge Verbindung von literarischem und wirtschaftlichem Fortschritt beschwor und dekretierte. Aus Ulbrichts Prämisse folgten zwei Devisen. Die erste ermutigte unter dem Motto „Greif zur Feder, Kumpel! Die sozialistische Nationalkultur braucht dich!“ die Werktätigen des Landes zu eigenem poetischen Schaffen. Die zweite Devise beorderte die Berufsliteraten in die Betriebe und Brigaden – Erfolg, so hieß es, könne nur derjenige Schriftsteller haben, „der den Menschen in der Produktion kennt, mit ihm fühlt und mit ihm lebt“. So also sollte er sein, der „Bitterfelder Weg“. Jede seiner beiden Spuren führte rasch in die Sackgasse.

          Kampf mit der Zensur

          Eineinhalb Jahrzehnte später beschritt die junge Journalistin Monika Maron den Weg aufs Neue. 1959 hatte sie Abitur gemacht und danach für ein Jahr als Fräserin in einem Flugzeugwerk bei Dresden gearbeitet. Nach dem Studium und ersten beruflichen Stationen schrieb sie vom Beginn der siebziger Jahre an Reportagen zunächst in der Frauenzeitschrift „Für Dich“, dann für die Ost-Berliner „Wochenpost“. Bitterfeld wurde dabei zur größten Herausforderung im Kampf mit der inneren und äußeren Zensur, ließ sie als Journalistin schließlich resignieren – und machte sie zugleich zur Schriftstellerin.

          Vom dreckschleudernden und menschenschindenden Chemiekombinat in einer Stadt mit Namen „B.“ und von den Schwierigkeiten, darüber eine Reportage zu schreiben, handelt ihr erster Roman „Flugasche“, der 1981 erschien – wie alle Bücher Marons bis zur Wende ausschließlich im Westen. Am Ende des zweiten Kapitels spannt Josefa Nadler, die Ich-Erzählerin und Heldin des Erzähldebüts, einen neuen Bogen Papier in ihre Schreibmaschine und tippt den ersten Satz: „B. ist die schmutzigste Stadt Europas.“ Am Ende des Romans wird sie, zermürbt, aber nicht zerbrochen, bei der „Illustrierten Woche“ kündigen – den Kompromissen, die man von ihr fordert, ist sie nicht gewachsen, ihrem Wissen um die Wahrheit aber schon.

          Wie sich alte Forderungen erfüllen und dabei erledigen lassen

          Es gehört zur höheren Ironie, aber eben auch zur glückhaften Seite der deutschen Gegenwart, dass Monika Maron fast zwanzig Jahre nach dem Ende der DDR und zunächst wider Willen an den Ort zurückgekehrt ist, der ihr vor fast drei Jahrzehnten ihr literarisches Debüt abverlangte. Und es ist verblüffend, in welch hohem Maße sie in der neuen Reportage die einstigen politischen Forderungen an die Literatur erfüllt – und sie zugleich so beiläufig wie souverän erledigt.

          Was Monika Maron schreibt, ist in nicht wenigen Passagen pure und präzise Produktionsprosa. Wir erfahren, was „Wafer“ für die Solartechnik bedeuten, was mit ihnen an der „Siebdruckanlage“ passiert, wie „der Trockner“ funktioniert und welche Aufgabe „der Zelltester“ hat. Mehr als ein Jahrhundert Bitterfelder Industriegeschichte lässt sie prägnant Revue passieren, Daten, Zahlen, Fakten. Und es gibt eine ganze Reihe durchaus einfühlsamer Porträts vom „Menschen in der Produktion“: Von Uwe Schmorl etwa, der in der DDR Schlosser war, nun als Produktionsleiter und Aufsichtsratsmitglied beim „größten Solarzellenhersteller der Welt“ fungiert, von Dagmar Vogt, der Ingenieurin aus Berlin, die 2006 „zur mutigsten Unternehmerin Deutschlands“ gekürt wurde, oder von Ingrid Weinhold, die von 1990 an in Bitterfeld eine Maschinenfabrik aufbaut, ohne je einen Pfennig aus den Fördertöpfen der Treuhand zu erhalten.

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