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Roman von Monika Helfer : Schicksal ist nicht das Wort

Bücher werden dem Vater zum Kostbarsten: Monika Helfer schreibt ihre Familiengeschichte fort. Bild: Picture-Alliance

Unsentimental, wahrhaftig und niemals vorworfsvoll: Monika Helfer schreibt mit dem Roman „Vati“ die Geschichte ihres Erfolgsbuches „Die Bagage“ fort.

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          „Wir sagten Vati. Er wollte das so. Er meinte, es klinge modern. Er wollte vor uns und durch uns einen Mann erfinden, der in die neue Zeit hineinpasste.“ So beginnt dieser Roman, und die „neue Zeit“ beginnt nach dem Zweiten Weltkrieg. Vati ist beinahe ein Schreckenswort, hart, ohne Zärtlichkeit, anders als das weiche Papa. Und Vati verlangte, dass die Kinder zu ihrer Mutter, die „aus dem hintersten Wald“ stammte, nicht Mama, sondern „Mutti“ sagten. Nicht nur das wird ihm nicht gelingen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Der Knabe, der Monika Helfers Vater sein wird, kam aus dem Lungau, einem Bezirk im österreichischen Bundesland Salzburg: „Die Familie der Ärmsten war besser dran als mein Vater und seine Mutter.“ Denn die Mutter war die Magd eines Bauern und ledig; der Bauer war der Vater; Mutter und Sohn hausten in einem Schopf neben seinem Haus. Der Sohn, der Josef hieß, war kleiner als die anderen Buben, sie ließen ihn nicht mitspielen. Er sah mit seinem schwarzen Haar und seiner reinen weißen Haut fast „wie ein Mädchen“ aus. Dennoch wurde er zur „Respektsperson“: „Wer ruhig spricht, dem unterstellt man, er sehe keine Veranlassung zur Aufregung. Das hat man gern. Deshalb hatten alle meinen Vater gern.“ Auch der reichste Mann in der Gemeinde Mariapfarr, der Baumeister, mochte ihn und gewährte ihm Einlass in seine Bibliothek, in der 1324 Bücher standen. Dort beginnt der spätere Vati, in sein Schulheft Walter Scotts Heldengeschichte „Ivanhoe“ abzuschreiben. So werden Bücher zum Kostbarsten für ihn.

          Beschädigt sind sie alle

          Ein halbes Jahr vor der Matura muss er in den Krieg, bald nach Russland, wo ihm ein halbes Bein abfror. Im Lazarett wurde ihm der Unterschenkel amputiert, und dort lernt er Grete Moosbrugger kennen, die ihn pflegt; sie macht ihm den Heiratsantrag und wird die Mutter der Autorin und ihrer Geschwister. Der gemeinsame Weg führt die junge Familie bald auf die Höhe der Tschengla in Vorarlberg, wo die Mutter herkam; dort wird der Vater zum Verwalter eines Kriegsopfer-Erholungsheims. Es beginnt ein Leben unter Versehrten, wie auch er einer ist, beschädigt sind sie alle an Leib und Seele.

          Autorin Monika Helfer
          Autorin Monika Helfer : Bild: Picture-Alliance

          In das Haus kommt über das Vermächtnis eines Professors eine veritable Bibliothek, Leidenschaftsort für den Vater, an den er seine Tochter mitnimmt. Vielleicht hat er dort einmal, so rekonstruiert Monika Helfer im Gedächtnis, einen Band herausgeholt, „,Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren‘ von Charles Darwin. Er würde mir das Buch herunterreichen. ,Leg es auf den Tisch, wir schauen es uns gemeinsam an.‘“ Das kleine Mädchen begreift, dass sie einen eigenen Weg zum Verständnis der anderen Menschen suchen muss. Der väterliche Moment ist ihre Initiation in die Schrift, ins eigene Schreiben, das sie für sich wählen wird. Für den Vati gerät die begehrte Bibliothek zum weiteren Unglück. Weil er Angst hat, sich eines Bücherdiebstahls schuldig gemacht zu haben, versucht er, sich zu vergiften. Er wird gerettet; doch er hat sich unwiederbringlich von seiner Familie entfernt. Die Distanz verschärft bald darauf der frühe Tod seiner Frau, der Mutter seiner vier Kinder Gretel, Monika, Richard und Renate. Es ist nicht nur sein Selbstentwurf gescheitert.

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