https://www.faz.net/-gr3-q1gn

: Mondfinsternis des Lebens

  • Aktualisiert am

Venedig ist Ende und Anfang. Als der Mond schon fast vom Erdschatten bedeckt ist, ruft Marco Rehberg, einer plötzlichen Eingebung folgend, Amanda in Zürich an. Finster ist es über den Lagunen, schwarz und bewegungslos liegt das Wasser, der rote Rand des Mondes in Zürich und Venedig ist deckungsgleich. Amanda steht auf dem Balkon ihrer Wohnung und beobachtet die Mondfinsternis.

          3 Min.

          Venedig ist Ende und Anfang. Als der Mond schon fast vom Erdschatten bedeckt ist, ruft Marco Rehberg, einer plötzlichen Eingebung folgend, Amanda in Zürich an. Finster ist es über den Lagunen, schwarz und bewegungslos liegt das Wasser, der rote Rand des Mondes in Zürich und Venedig ist deckungsgleich. Amanda steht auf dem Balkon ihrer Wohnung und beobachtet die Mondfinsternis. Es ist still, und in der Stille fügt sich die letzte weiße Stelle im Puzzle. Rehberg knipst mit seinem Handy ein Bild der Mondfinsternis und schickt es in die Schweiz. Postwendend kommt die Aufnahme des Nachthimmels zurück. Der Mond über Venedig und der Mond über Zürich sind nicht mehr zu unterscheiden. Marco Rehberg, Kulturchef der "Neuen Zeitung", ist am Ende einer langen Odyssee und am Anfang einer neuen Epoche seines Lebens angekommen.

          Das ist Kunst und Kitsch zugleich im neuen Roman "Zwölf Sekunden Stille" des neunundfünfzigjährigen Schweizer Schriftstellers Silvio Blatter. Ein wenig Kunst, weil es ihm gelingt, sich mit dem Grundriß des Romans und der Statur seines Helden in einen allgemein gültigen Stoff einzuklinken und im Stil eines späten Entwicklungsromans den letzten Lebensabschnitt des Feuilletonisten in Zeiten des Jugendwahns, der Arbeitsplatzreduktion und der jugendlich gebliebenen, überflüssig gewordenen Frühpensionistengeneration abzubilden. Kitsch, weil er Erlebnissurrogate serviert, die leicht konsumierbar sind, weil er einfache Emotionen und den Wunsch nach schneller Erfüllung bedient, triviale, vorhersehbare Beziehungsmuster entwickelt und uns schließlich mit einem Happy-End versieht, das alle Erwartungen nach überschaubaren Verhältnissen erfüllt. Nicht, daß Silvio Blatter mit seinem Roman den Puls der Zeit verfehlen würde. Die Geschichte einer Ausmusterung, einer komplizierten Selbstfindung und eines glücklichen Neubeginns trifft den Nerv der Zeit und beleuchtet ein Thema, das von der aktuellen Literatur bislang merkwürdig tabuisiert wurde.

          Marco Rehberg, achtundfünfzigjähriger Feuilletonredakteur, letzter Romantiker im Kulturressort, weiß, daß seine Zeit abgelaufen ist. Aber er verdrängt diese Einsicht, aus Angst vor dem freien Fall. Auch sein Gefühlsleben ist am toten Punkt angelangt. Von seiner Frau ist er geschieden, ein paar Affären sind gestrandet, die Tochter, die er liebt, geht eigene Wege, der Vater im Pflegeheim erkennt ihn nicht wieder, und seine Mutter konfrontiert ihn mit der Tatsache eines Neubeginns mit einem Gleichgesinnten, dessen Frau ebenfalls im Pflegeheim dahinsiecht. Rehberg steht an der Engführung seines Lebens. Ein ganzes Jahr der Unrast und des inneren Unglücks wird er brauchen, um ein anderer zu werden.

          Silvio Blatter läßt das Leben seiner Figur in ruhigen Bildausschnitten Revue passieren. Es entfaltet sich chronologisch in vier großen Kapiteln, die den vier Jahreszeiten zugeordnet werden und mit dem Herbst einsetzen. Das Venedig-Kapitel, Ort der Abgrenzung und der Schicksalswende, ist unter dem Titel "Mondfinsternis" angefügt. Schließlich liefert der kurze Epilog "Tabula Rasa" den Beleg für die glückliche Zukunft von Marco und Amanda. Wie zu Beginn sehen wir die beiden an einem Fest, dieses Mal aber als Paar. Auch den Auftakt des Romans markiert eine festliche Inszenierung: die Einweihung des Pressezentrums der NZ-Verlagsgruppe. Rehberg weiß, daß er die kommende Ära in der Geschichte der Zeitung nicht mehr erleben wird. Und er realisiert, daß ihm aus dem Leben als Journalist, dem er sich mit Haut und Haaren verschrieben hatte, kaum ein Freund geblieben ist. Er ist einsam. Das Leben erscheint ihm sinnlos. Fluchtartig verläßt er den Ort, an dem seine Kollegen ihr Jungsein zelebrieren - ein wildes Gefühl des Ausgestoßenseins im Leib. Nur die Malerin Nuria Malik, die ihn seit fünfunddreißig Jahren porträtiert, gibt ihm noch einen gewissen Halt.

          Kalt bilanziert er, was ihm bleibt. Liebschaften hat er satt. Die Phase seines Familienlebens ist abgeschlossen. Das aktive Berufsleben ist vorzeitig abgebrochen. Jetzt denkt er plötzlich an Amanda Steinfels. Sie, die über Musik schreibt und jeden Pianisten am Anschlag erkennt, leuchtet immer dann als gespenstisches Phantasma auf, wenn er zur Einsicht kommt, daß die Fäden seines Lebens falsch geknüpft sind. Sie ist, so imaginiert er, die einzige Frau, mit der er gerne durch die Nacht fahren oder am Zaun der Startbahn ohne Licht im Auto sitzen würde.

          Aus diesem Stoff eines unversehens ins berufliche und emotionale Niemandsland Geschleuderten hätte ein brisanter Zeitroman werden können - wenn sich Silvio Blatter in der Kunst der Reduktion geübt hätte. Aber er fährt alle Kurven aus. Er strafft nicht, er faßt nicht zusammen, er läßt nicht die Pausen sprechen und auch nicht das Verschwiegene. Die Exposition der Problemlage wird zerdehnt, die Präsentation des Helden und seiner Psychostruktur wird auch dann noch weitergetrieben, als der Leser längst begriffen hat, wie es um ihn steht. Alle Sequenzen im Lebens des Marco Rehberg reiht der Autor monoton auf eine Schnur. Damit schleift Silvio Blatter seiner Geschichte einer stummen Rebellion gegen das vorzeitige Abgeschobenwerden vorzeitig alle Kanten ab.

          PIA REINACHER

          Silvio Blatter: "Zwölf Sekunden Stille". Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2004. 302 S., geb., 19,90 [Euro].

          Weitere Themen

          Raketenangst auf allen Seiten

          Neuer Roman von Robert Harris : Raketenangst auf allen Seiten

          Ein neuer Thriller über den Zweiten Weltkrieg: „V2“ von Robert Harris ist gerade auf Englisch erschienen und beschäftigt sich mit mehr als der Entstehung von Hitlers „Wunderwaffe“.

          Von Schwänen und Apothekerinnen

          Marthalers „Das Weinen“ : Von Schwänen und Apothekerinnen

          Metamorphose mit Nebenwirkungen: Mit seinem Theaterabend „Das Weinen (Das Wähnen)“ verbeugt sich Christoph Marthaler vor den Texten Dieter Roths. Die Inszenierung feiert das Glück, das aus der Abwesenheit von Leid entsteht.

          Topmeldungen

          Die Deutsche Bank will jede fünfte Filiale schließen.

          Sparbemühungen : Deutsche Bank trimmt sich für Fusionen

          Die Deutsche Bank will jede fünfte deutsche Filiale schließen, um zu sparen. In der Branche wird jetzt immer lauter über Zusammenschlüsse diskutiert. Offen ist, wie die Aufseher das Vorhaben sehen.
          Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz bei einer Veranstaltung im August 2020 in Ahlen

          Allensbach-Umfrage : Die SPD kann nicht von Scholz profitieren

          Nur eine Minderheit glaubt, dass der Kanzlerkandidat der SPD die Unterstützung seiner Partei hat. Und das ist noch nicht das größte Problem der Sozialdemokraten, wie eine neue Umfrage zeigt.

          Spenden nach Ginsburgs Tod : Die Angst, die großzügig macht

          Kaum war Ruth Bader Ginsburg tot, flossen demokratischen Wahlkämpfern Spenden in Millionenhöhe zu – mehr denn je. Fällt Trumps Supreme-Court-Plan den Republikanern auf die Füße?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.