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: Mörderische Unternehmenswelt

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Nichts ist spannender als Wirtschaft." Wie aufregend die Welt der Unternehmen sein kann, weiß Fritjof Karnani aus eigener Erfahrung. Nach seinem Wirtschaftsstudium in Berlin und Cambridge arbeitete er fast zehn Jahre lang in einer Unternehmensberatung. Jetzt hat er einen Kriminalroman geschrieben, mit dem er zeigen will, wie es in dieser Welt zugeht.

          Nichts ist spannender als Wirtschaft." Wie aufregend die Welt der Unternehmen sein kann, weiß Fritjof Karnani aus eigener Erfahrung. Nach seinem Wirtschaftsstudium in Berlin und Cambridge arbeitete er fast zehn Jahre lang in einer Unternehmensberatung. Jetzt hat er einen Kriminalroman geschrieben, mit dem er zeigen will, wie es in dieser Welt zugeht. "Macht und Geld sind Triebkräfte in Unternehmen, die förmlich danach drängen, Wirtschaftskrimis zu schreiben", sagt der Vater einer kleinen Tochter, der in Berlin lebt.

          Autoren wie Karnani sind rar in Deutschland. Zwar wagen auch Kriminalschriftsteller hierzulande immer mal wieder einen Blick zu den Bankern und den Wirtschaftslenkern. In einem zunehmend durchökonomisierten Alltag verkörpert schließlich niemand so gut wie sie das ideale Feindbild. Eiskalt, missgünstig, machtversessen - die Stoßrichtung dieser Romane ist einfach. Doch das Innenleben der Unternehmen kennen diese Autoren kaum.

          Bei Karnani ist das anders. In seinem Roman erzeugt er Nervenkitzel deswegen nicht nur durch Mord und Totschlag. Spannend ist auch, wie er das Geschäft der Unternehmensberatung beschreibt. "Die Geschichte habe ich mir natürlich ausgedacht", sagt er. "Aber sie ist realistisch. Wer den Alltag in einer Unternehmensberatung kennt, wird hier vieles wiedererkennen."

          Karnanis Heldin heißt Latika Bachmann und ist Berlinerin mit indischen Wurzeln. Die ehrgeizige, junge Hoffnungsträgerin bei der Unternehmensberatung DAI wird am Vormittag von einem Moment zum anderen von ihren Chefs gefeuert. Wenig später fordert ein bekannter Unternehmer sie auf, einen Sanierungsplan für ein kurz vor der Pleite stehendes Fahrradunternehmen zu entwickeln. Bei Erfolg winken größere Aufträge. Ihre härtesten Konkurrenten: die alten Chefs.

          Als beide ihre Ideen vorstellen, wie die Pleite abgewendet werden kann, lässt Karnani nicht nur unterschiedliche Charaktere aufeinanderstoßen, sondern auch unterschiedliche Wirtschaftsphilosophien. "In Deutschland gehen wir auch in der Unternehmensberatung mit der Sicht eines Ingenieurs an die Probleme", sagt Karnani. "Straffere Strukturen, Kostensenkung stehen im Mittelpunkt." Engländer oder Amerikaner seien da oft kreativer. "Sie legen ihr Augenmerk stärker darauf, dass wirtschaftlicher Erfolg auch durch kreatives Infragestellen zustande kommen kann." Im Roman erhält Latika Bachmann den Zuschlag. "Sie geht so vor, wie jemand in der angelsächsischen Welt das machen würde."

          Während es auf der einen Seite Mord und Totschlag gibt, erlebt der Leser auf der anderen Seite mit, wie Bachmann und ihre pfiffigen Freunde das bedrohte Fahrradunternehmen vor dem Ruin retten. Begriffe wie "Benchmarking", "Branding" oder "Breakeven", die jeder andere Krimiautor meiden würde, schrecken Karnani nicht. Für Leser, die davon noch nie gehört haben, gibt es im Anhang ein Glossar.

          "Im Vordergrund steht für mich die Lust an der Unterhaltung", sagt Karnani. "Dafür wollte ich klassische Strategien, die man an jeder Business-School lernt, in eine spannende Handlung packen." Den Anstoß zum Schreiben bekam der 1968 geborene Sohn eines indischen Vaters und einer deutschen Mutter während des Studiums in Cambridge. Neben der Ökonomie muss dort jeder Student auch ein weiches Fach wählen. Karnani entschied sich für das an englischen und amerikanischen Universitäten weit verbreitete, in Deutschland aber weitgehend unbekannte Studienfach "Kreatives Schreiben". "Es kann ja nicht schaden, Business-Pläne lesbar und verständlich zu schreiben und darin auch Visionen zu entwickeln", dachte er sich damals.

          Vielleicht liegt es am Fach "Kreatives Schreiben", dass die wenigen Banker, Unternehmensberater oder Manager, die Kriminalromane verfassen, ausnahmslos in England oder Amerika zu Hause sind. Ex-Investmentbanker Peter Spiegelman, der wohl beste von ihnen, gewann mit seinen Finanzkrimis aus der Wall Street renommierte amerikanische Krimipreise. Andere Autoren, die sich in den Krimiregalen der Buchhandlungen finden und aus intimer Kenntnis Wirtschaftskrimis schreiben, sind die frühere Londoner Bankerin Linda Davis, Stephen Frey, der Vizepräsident einer der größten Investmentbanken in Manhattan war, immer noch mit Finanzgeschäften sein Geld verdient und nachts seine Krimis schreibt, und der englische Investmentbanker Michael Ridpath. In Deutschland gibt es bislang nur Karnani.

          Der Berliner, der heute Berater für Unternehmensgründer und Technologietransfer bei der Leibnizgesellschaft ist, begann mit seinem Krimi "Turnaround" kurz nach der Geburt seiner Tochter 2005. Für ein Jahr Elternzeit hat er sich damals beurlauben lassen. "Wenn man ein Jahr lang mit einem Kind unterwegs ist, dann kann man lange nachdenken", erzählt er. "Eigentlich habe ich meiner Tochter ein Jahr lang erzählt, und dann habe ich mich hingesetzt und den Roman geschrieben."

          Die Tochter zeigte dabei sogar vom Kinderwagen aus Einfluss. Latika Bachmann rettet das angeschlagene Fahrradunternehmen nämlich mit einer ungewöhnlichen Idee: "Ich will Ihnen vorschlagen, einen Markt zu erobern, auf dem Sie mit Ihren Kernkompetenzen ähnlich gute Produkte hervorbringen können wie im Premiumsegment der Fahrräder", erklärt sie den Managern. Dann drückt sie auf eine Taste auf dem Laptop, und das Bild eines Kinderwagens erscheint an der Wand. "Sie meinen, wir sollten Kinderwagen bauen?", ruft der Geschäftsführer verwundert, und der Eigentümer verschluckt sich am Kaffee und bekommt prompt einen Hustenanfall.

          "Ursprünglich hatte ich eine ganz andere Idee", berichtet Karnani. Doch der Alltag mit Kleinkind ließ seine und damit auch Latika Bachmanns Gedanken in Richtung Kinderwagen schweifen. Im Roman geht die Rechnung auf - Bachmann bekommt den Auftrag und hat am Ende auch Erfolg.

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