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Mithu Sanyals Roman „Identitti“ : Hautfarbe? Die kann sie ändern

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Ein unerhörtes Talent, sowohl die Freiheiten des auf die Spitze getriebenen Denkens als auch die Grenzen des Diskurses aufzuzeigen: Mithu Sanyal Ende Mai 2021 in Köln Bild: dpa

Mithu Sanyals Roman „Identitti“ erzählt von einer Professorin, die sich auf ihren Posten manipuliert hat. Die Autorin hat ein ganz eigenes Genre für ihr Thema der Identitätskämpfe gefunden.

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          „Identitätskämpfe sind Kämpfe um Fiktionen in der Wirklichkeit“, erklärt Mithu Sanyal im Nachwort zu ihrem Romandebüt mit dem programmatischen Titel „Identitti“. So nennt sich die weibliche Hauptfigur des Romans, wenn sie auf den einschlägigen Internetplattformen in Sachen Sexismus und Rassismus bloggt und tweetet. Nivedita, Tochter einer Deutschen und eines Inders, ist junge Feministin mit Race-Sex-Gender-Theoriegepäck. Und das hat sie sich draufgeschafft in den Seminaren einer charismatischen Professorin für Postkoloniale Theorie an der Universität Düsseldorf. Die Lehrstuhlinhaberin mit schicker Dachgeschosswohnung in Düsseldorf-Oberbilk nennt sich leicht prätentiös nach der hinduistischen Göttin der Gelehrsamkeit: Saraswati.

          Als Professorin, die sich den People of Colour (PoC) zugehörig fühlt, ist Saraswati ein Stachel im weißen Fleisch der deutschen Universität. Das macht die Autorin des fiktiven Standardwerks „Decolonize your Soul“ zu einer glaubhaften Vertreterin der Erfahrungen einer Gruppe von Menschen, die hierzulande vor ähnlichen Zugehörigkeitsproblemen steht wie in anderen Ländern mit kolonialer Vergangenheit.

          Saraswati setzt aus pädagogischer Überzeugung in ihren Lehrveranstaltungen auf Drastik. Sie eröffnet sie gerne mit einer Provokation. Indem sie zum Beispiel alle weißen Studenten dazu auffordert, den Vorlesungssaal wieder zu verlassen. Nachher bestellt sie die Düpierten in ihre Sprechstunde ein, um zu erörtern, welche Gefühle, Motive und Mechanismen in den jeweiligen Akteuren am Werk sind. Saraswati ist damit eine Art Performance- Intellektuelle, die den Identitätshaushalt ihrer Studierenden gehörig durcheinanderbringt. Oder eben im Falle ihrer Lieblingsstudentin Nivedita zum ersten Mal so etwas wie eine gefestigte Identität überhaupt ermöglicht.

          Sie stellen die Wahrheit von den Füßen auf den Kopf

          Während ihrer Arbeit an „Identitti“ hätten sich die Anschläge von Hanau ereignet, schreibt Mithu Sanyal im Nachwort ihres Romans. Sie kommen im Buch ebenso vor wie diverse lebende Personen der Zeitgeschichte von Donald Trump über den Philosophen Kwame Anthony Appiah bis zum Radiojournalisten René Aguigah: als Menschen, die sie mit realen Äußerungen zu Rassismusfragen in die erfundenen Kontexte ihres Romans einwebt. Eine Methode, die angenehm unbefangen auf der Grenze zwischen Fakt und Fiktion eine wahrerfundene Geschichte erzählt.

          Mithu Sanyal: „Identitti“. Roman. Hanser Verlag, München 2021. 432 S., geb., 22,– €.
          Mithu Sanyal: „Identitti“. Roman. Hanser Verlag, München 2021. 432 S., geb., 22,– €. : Bild: Hanser Verlag

          Der Alltag in Deutschland bestehe natürlich nicht aus schrecklichen Gewaltverbrechen, schreibt die Autorin, aber schreckliche Verbrechen wie der Anschlag von Hanau sind Teil der bundesrepublikanischen Wirklichkeit. „Deshalb ist das Schweigen darüber in der deutschsprachigen Literatur eine nicht akzeptable Leerstelle.“

          Es ist eine engagierte Literatur, die sich hier anschickt, diese Leerstelle zu füllen. Mithu Sanyal, die bislang vor allem als Sachbuchautorin über die Vulva und über die Diskursgeschichte der Vergewaltigung von sich reden machte, hat ein ganz eigenes Genre für ihr Anliegen gefunden: eine Mischung aus Campusroman, intellektuellem Kammerspiel, Blogosphärenplateau und Identitätspolitiksatire. Auf jeder Seite kann man mindestens dreimal laut lachen. Denn Sanyal hat ein unerhörtes Talent, sowohl die Freiheiten des auf die Spitze getriebenen Denkens als auch die Grenzen des Diskurses aufzuzeigen. Reden jedenfalls können alle Figuren, die diesen Roman bewohnen, ziemlich gut. Mitunter reden sie sich um Kopf und Kragen und stellen die Wahrheit von den Füßen auf den Kopf. Aber immer reden sie so, dass es dabei lustig knallt.

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