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: Mit Türmen gegürtet

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Groß war das Erstaunen, als die Mauer des Verschweigens zerbröckelte, hinter die das Hitler-Regime die Dichtung der 1894 in Berlin geborenen und 1943 im Vernichtungslager Auschwitz verschollenen Jüdin Gertrud Kolmar (Chodziesner) verbannt hatte. Ihr "phänomenales lyrisches Talent" rühmte Annemarie ...

          Groß war das Erstaunen, als die Mauer des Verschweigens zerbröckelte, hinter die das Hitler-Regime die Dichtung der 1894 in Berlin geborenen und 1943 im Vernichtungslager Auschwitz verschollenen Jüdin Gertrud Kolmar (Chodziesner) verbannt hatte. Ihr "phänomenales lyrisches Talent" rühmte Annemarie Suhrkamp, die einen Gedichtband lektorierte, in einem Brief an ihre Schwester Ina Seidel aus dem Dezember 1946. Allerdings hatte Ina Seidel, wie Gertrud Kolmars Cousin Walter Benjamin und wie Elisabeth Langgässer, schon im Jahrzehnt vor dem Zweiten Weltkrieg die enorme dichterische Kraft der Lyrikerin erkannt.

          Es fehlte im Anschluß an die Suhrkamp-Sammlung "Welten" von 1947 nicht an Auswahlbänden (von Hermann Kasack, Friedhelm Kemp, Hilde Wenzel, der Schwester, Uwe Berger und anderen). Aber es mußten noch sechs Jahrzehnte vergehen, bis das Werk Gertrud Kolmars in zuverlässigen, kritischen Ausgaben greifbar war. Die verlegerische Ernte fährt vor allem der Göttinger Wallstein Verlag ein. Außer der Erzählung "Susanna" (Jüdischer Verlag 1993) liegen nun bei Wallstein vor: Briefe (1997 herausgegeben von Johanna Woltmann), der Roman "Die jüdische Mutter" (1999, vorher unter dem Titel "Eine Mutter" erschienen) sowie, herausgegeben von Regina Nörtemann, das lyrische Werk in zwei Bänden und ein Kommentarband, nun auch ein Band mit Dramen Gertrud Kolmars. Die Deportierte und Verschollene ist endlich in der deutschen Literatur ganz angekommen.

          An dem landläufigen Urteil, daß der Hauptpfeiler der Dichtung Gertrud Kolmars die Lyrik sei, wird auch in Zukunft kaum zu rütteln sein. Aber einige Stützen der Argumentation sind doch weggebrochen. Die nun veröffentlichten dramatischen Texte verraten ein Talent, das sich hätte entwickeln lassen, hätte die Autorin Bühnenerfahrungen sammeln können. Mit der Düsseldorfer Uraufführung ihrer "Legende" um den römischen Kaiser Tiberius, den Nachfolger von Kaiser Augustus, debütierte im Jahr 2000 endlich auf der deutschen Bühne ein Drama, das mit vorzüglichen Kommentaren bereits 1994 in einer italienischen Übersetzung erschienen war.

          Der Band "Frühe Gedichte" dokumentiert den Aufbruch der Dichterin seit dem Jahr 1917. Sie geht bei der lyrischen Tradition in die Schule, mit Reimgedichten im Ton des Volkslieds und seiner Erben, mit einer bunten Palette von Themen und Formen, die vom Wiegenlied, Trinklied, Soldatenlied und von Umkreisungen des Tanzmotivs bis zu jugendlichen Stemmübungen an dem noch zu schweren Thema "Zeit und Ewigkeit" reicht. Dann plötzlich, wohl zu Anfang der zwanziger Jahre, endet das Spiel der Fingerübungen; die Lyrikerin durchstößt die Eierschalen der Tradition, ein neuer Ton und ein neuer Rhythmus brechen sich Bahn in reimlosen Gedichten des Zyklus "Napoleon und Marie". Gertrud Kolmar hat eines ihrer großen Themen gefunden.

          Von 1927 an datiert Regina Nörtemann ihre reife Lyrik. Formkraft erprobt sich im "Preußischen Wappenbuch", das noch in Teilen 1934 in V. O. Stomps "Rabenpresse" erscheinen konnte: dichterische Improvisationen über eine Sammlung von Wappenbildern aus preußischen Provinzen. Der Zyklus wirkt wie eine Auftragsarbeit. Auf dem Hintergrund der wesentlichen Gedichte Gertrud Kolmars aber zeichnen sich - mehr oder weniger verschlüsselt - existentielle Erfahrungen ab. Wenigstens drei Hauptkomplexe seien umrissen: das Mutter-Kind-Verhältnis, das Stigma des Jüdischseins und die Geschichtsepoche der Französischen Revolution.

          Von den frühen bis zu den späten Gedichten zieht sich durch das Werk wie ein Basso ostinato ein Ton der Sehnsucht nach dem Kind, die Klage einer Kinderlosen. Eines der Gedichte ("Die Gesegnete") wird genauer: "Ich darf dich nicht gebären." Man weiß von einem wahrscheinlich 1915 vom Elternhaus erzwungenen Schwangerschaftsabbruch bei der ledigen (auch unverheiratet gebliebenen) Gertrud Kolmar. Natürlich machen wir uns keinen einfachen Reim mehr auf Gedichte nach Art der biographischen Deutung des neunzehnten Jahrhunderts. Aber ohne die traumatischen Erlebnisse, ohne die tief im Unterbewußtsein fortschwärenden Wunden der um ihr Kind Gebrachten sind die dauernde Wiederholung des Entbehrungsmotivs und die ungeheure Intensität des dichterischen Ausdrucks nicht zu verstehen. Nur führt der Weg von der Erfahrung zur dichterischen Fiktion eben über viele Vermittlungsstufen. Das gilt auch für die Gedichte, in denen Gertrud Kolmar die zunehmend brutale Ausgrenzung und die Verfolgung der Juden, deren Opfer sie selbst in Berlin wird, ihr vielfach gebrochenes Echo finden läßt.

          Das Gedicht "Wir Juden" im Zyklus "Das Wort der Stummen" wählt die Sprache des Bekennens: ". . . Ich liebe dich, ich liebe dich, mein Volk / . . . So wie ein Weib den Gatten, der am Pranger steht, am Kolk, / Die Mutter den geschmähten Sohn nicht einsam sinken läßt . . ." Oft aber verbirgt sich das Gewappnetsein für die tägliche Demütigung hinter dem Schleier des dichterischen Bildes: "Ich bin fremd. / Weil sich die Menschen nicht mehr zu mir wagen, / Will ich mit Türmen gegürtet sein" ("Die Jüdin"). Aus dem Jahr 1937 stammt eine Gruppe von Texten, die Gertrud Kolmar selbst "religiöse Gedichte" genannt hat (zum Beispiel "Mose im Kästchen" oder "Esther"). Scharf zeichnet sich der Bruch zwischen den frühen und den späten in reimlosen Langversen geschriebenen oder an Hölderlinsche freie Rhythmen erinnernden Gedichten ab. Das elegische Sprechen braucht Weite, um sich auszuströmen.

          Seit dem Zyklus "Napoleon und Marie" hat die Epoche der Französischen Revolution und der Nachrevolutionszeit ihre Bannkraft für die Dichterin nicht mehr verloren. Wählte sich Georg Büchner zum dramatischen Helden Danton, so spitzt sich das Interesse Gertrud Kolmars ganz auf Robespierre zu. Einzelgedichte und ein ganzer Zyklus tragen den Titel "Robespierre". Auch ihr Versuch, das Negativbild der meisten Historiker zu widerlegen, im umfangreichen Essay "Das Bildnis Robespierres", deutet auf eine sich steigernde Befrachtung dieser Gestalt mit Sinn. In ihrem Schauspiel "Cécile Renault" tritt dann auch in die sinnliche Erscheinung, was Gertrud Kolmar im "Unbestechlichen", im großen "Gerechten" sieht: den messianischen Erlöser. Sucht jüdische Sehnsucht nach der Ankunft des Messias hier vielleicht eine Modellfigur in der europäischen Geschichte, die schon Umrisse des Messias vorwegnimmt?

          Es fällt uns heute nicht leicht, zu begreifen, wie in dieses Bild Robespierres die Guillotine passen soll, seine Verantwortung nicht nur für die Hinrichtung des französischen Königs, sondern auch so vieler Revolutionsgefährten von einst. Noch unheimlicher geworden sind uns die Fanatiker der Tugend, die Fundamentalisten messianischen Glaubens, die ihr Idealreich über Berge von Leichen errichten wollen. Gertrud Kolmar selbst wurde zum Opfer nationalen und rassischen Erlösungswahns. Blieb ihr dennoch inmitten des Schreckens der Denker Robespierre eine Symbolgestalt des Gerechtigkeitsdenkens?

          Fragen, mit denen uns das Werk Gertrud Kolmars unerbittlich konfrontiert und beunruhigt. Denn wer sich in dieses dichterische Werk einläßt, in den schlägt es seine Widerhaken. Große Poesie ist dieses Werk in seinen besten Teilen. Endlich liegt es uns vor, in Bänden, durch die uns die Kommentare und Nachworte Regina Nörtemanns sicher geleiten. Nun liegt die Initiative beim Lesepublikum.

          WALTER HINCK

          Gertrud Kolmar: "Das lyrische Werk". Herausgegeben von Regina Nörtemann. 3 Bände. Wallstein Verlag, Göttingen 2003. 1232 S., geb., 98,- [Euro].

          Gertrud Kolmar: "Die Dramen". Herausgegeben von Regina Nörtemann. Wallstein Verlag, Göttingen 2005. 296 S., geb., 38,- [Euro].

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