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: Mit Türmen gegürtet

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Von den frühen bis zu den späten Gedichten zieht sich durch das Werk wie ein Basso ostinato ein Ton der Sehnsucht nach dem Kind, die Klage einer Kinderlosen. Eines der Gedichte ("Die Gesegnete") wird genauer: "Ich darf dich nicht gebären." Man weiß von einem wahrscheinlich 1915 vom Elternhaus erzwungenen Schwangerschaftsabbruch bei der ledigen (auch unverheiratet gebliebenen) Gertrud Kolmar. Natürlich machen wir uns keinen einfachen Reim mehr auf Gedichte nach Art der biographischen Deutung des neunzehnten Jahrhunderts. Aber ohne die traumatischen Erlebnisse, ohne die tief im Unterbewußtsein fortschwärenden Wunden der um ihr Kind Gebrachten sind die dauernde Wiederholung des Entbehrungsmotivs und die ungeheure Intensität des dichterischen Ausdrucks nicht zu verstehen. Nur führt der Weg von der Erfahrung zur dichterischen Fiktion eben über viele Vermittlungsstufen. Das gilt auch für die Gedichte, in denen Gertrud Kolmar die zunehmend brutale Ausgrenzung und die Verfolgung der Juden, deren Opfer sie selbst in Berlin wird, ihr vielfach gebrochenes Echo finden läßt.

Das Gedicht "Wir Juden" im Zyklus "Das Wort der Stummen" wählt die Sprache des Bekennens: ". . . Ich liebe dich, ich liebe dich, mein Volk / . . . So wie ein Weib den Gatten, der am Pranger steht, am Kolk, / Die Mutter den geschmähten Sohn nicht einsam sinken läßt . . ." Oft aber verbirgt sich das Gewappnetsein für die tägliche Demütigung hinter dem Schleier des dichterischen Bildes: "Ich bin fremd. / Weil sich die Menschen nicht mehr zu mir wagen, / Will ich mit Türmen gegürtet sein" ("Die Jüdin"). Aus dem Jahr 1937 stammt eine Gruppe von Texten, die Gertrud Kolmar selbst "religiöse Gedichte" genannt hat (zum Beispiel "Mose im Kästchen" oder "Esther"). Scharf zeichnet sich der Bruch zwischen den frühen und den späten in reimlosen Langversen geschriebenen oder an Hölderlinsche freie Rhythmen erinnernden Gedichten ab. Das elegische Sprechen braucht Weite, um sich auszuströmen.

Seit dem Zyklus "Napoleon und Marie" hat die Epoche der Französischen Revolution und der Nachrevolutionszeit ihre Bannkraft für die Dichterin nicht mehr verloren. Wählte sich Georg Büchner zum dramatischen Helden Danton, so spitzt sich das Interesse Gertrud Kolmars ganz auf Robespierre zu. Einzelgedichte und ein ganzer Zyklus tragen den Titel "Robespierre". Auch ihr Versuch, das Negativbild der meisten Historiker zu widerlegen, im umfangreichen Essay "Das Bildnis Robespierres", deutet auf eine sich steigernde Befrachtung dieser Gestalt mit Sinn. In ihrem Schauspiel "Cécile Renault" tritt dann auch in die sinnliche Erscheinung, was Gertrud Kolmar im "Unbestechlichen", im großen "Gerechten" sieht: den messianischen Erlöser. Sucht jüdische Sehnsucht nach der Ankunft des Messias hier vielleicht eine Modellfigur in der europäischen Geschichte, die schon Umrisse des Messias vorwegnimmt?

Es fällt uns heute nicht leicht, zu begreifen, wie in dieses Bild Robespierres die Guillotine passen soll, seine Verantwortung nicht nur für die Hinrichtung des französischen Königs, sondern auch so vieler Revolutionsgefährten von einst. Noch unheimlicher geworden sind uns die Fanatiker der Tugend, die Fundamentalisten messianischen Glaubens, die ihr Idealreich über Berge von Leichen errichten wollen. Gertrud Kolmar selbst wurde zum Opfer nationalen und rassischen Erlösungswahns. Blieb ihr dennoch inmitten des Schreckens der Denker Robespierre eine Symbolgestalt des Gerechtigkeitsdenkens?

Fragen, mit denen uns das Werk Gertrud Kolmars unerbittlich konfrontiert und beunruhigt. Denn wer sich in dieses dichterische Werk einläßt, in den schlägt es seine Widerhaken. Große Poesie ist dieses Werk in seinen besten Teilen. Endlich liegt es uns vor, in Bänden, durch die uns die Kommentare und Nachworte Regina Nörtemanns sicher geleiten. Nun liegt die Initiative beim Lesepublikum.

WALTER HINCK

Gertrud Kolmar: "Das lyrische Werk". Herausgegeben von Regina Nörtemann. 3 Bände. Wallstein Verlag, Göttingen 2003. 1232 S., geb., 98,- [Euro].

Gertrud Kolmar: "Die Dramen". Herausgegeben von Regina Nörtemann. Wallstein Verlag, Göttingen 2005. 296 S., geb., 38,- [Euro].

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