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: Mit Schillerklang und Körnerschall

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Daß Umberto Eco eine Philosophiegeschichte als Comic-Serie mit witzigen Sprechblasen verfaßt hat, das traute dem Ironiker und Romanautor wohl jeder seiner Leser zu, aber daß der seriöse Heidelberger Germanistikprofessor Friedrich Gundolf heimlich, nicht für den Druck, eine deutsche Literaturgeschichte in Knittelversen geschrieben hat, das ist schon einen überraschten Aufblick wert.

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          DUmberto Eco eine Philosophiegeschichte als Comic-Serie mit witzigen Sprechblasen verfaßt hat, das traute dem Ironiker und Romanautor wohl jeder seiner Leser zu, aber daß der seriöse Heidelberger Germanistikprofessor Friedrich Gundolf heimlich, nicht für den Druck, eine deutsche Literaturgeschichte in Knittelversen geschrieben hat, das ist schon einen überraschten Aufblick wert. Denn Gundolf war zwischen 1920 und seinem frühen Tod 1931 der aufgehende Stern der neuen, der nicht mehr "positivistischen" deutschen Germanistik.

          Er richtete seinen Seherblick auf die ganz Großen, auf die Heroen und Führer der Literatur, auf Shakespeare und Goethe, und so trat er auch auf: Mit monotoner Stimme folgte der Professor streng seinem Manuskript, ohne ins Publikum zu blicken, ohne je mit einem Witz sein kunstvolles Satzgewebe und seinen durchgehend hohen Ton, der eine Art erhabenes Geleier gewesen sein soll, zu unterbrechen. Er war die professorale Unnahbarkeit selbst. Dolf Sternberger hat seinen Auftritt beschrieben. Danach stand er "hoch aufgereckt auf dem Katheder, mit steif verschränkten Armen, in gleichmäßig getragenem Ton vortragend, . . . häufig zur Seite und zum Fenster hinaus den Blick richtend, ohne die allergeringste Aufmerksamkeit auf das Publikum, scheinbar voller Verachtung". Das einzige, was die erhabene Szene etwas milderte, war der Darmstädter Dialekt, der unverkennbar durchschlug, dem der Redner aber seine visionäre Diktion und seine herrscherliche Positur energisch entgegensetzte.

          Gundolf war 1880 in Darmstadt aus einer jüdischen Familie geboren und hatte mit neunzehn Jahren durch Karl Wolfskehl Zugang zu Stefan George gefunden. Er studierte in München, Heidelberg und Berlin Germanistik und Kunstgeschichte, aber vor allem war er Jünger und Sekretär Stefan Georges, der kraft seiner Autorität als Seher und Führer den Namen "Gundelfinger" in das einprägsamere "Gundolf" umwandelte. Gundolf schwankte zwischen Dichtung im George-Stil und Literaturwissenschaft, entschied sich schließlich für die Literarhistorie, aber es sollte eine neue Literaturwissenschaft werden, die er mit Hilfe Bergsonscher Ideen dem noch herrschenden "Positivismus" abzutrotzen gedachte. Eine Literaturwissenschaft ohne Biographie und ohne Anmerkungen; ihre Aufgabe war das Herausarbeiten der bleibenden sprachlichen Form und der in ihr liegenden lebenführenden Kraft; sie rühmte als ihr Bestes "Ehrfurcht" und "Enthusiasmus". Dies erklärt den hohepriesterlichen Gestus des Professors, aber es macht die heimliche Parodie noch rätselhafter. Als habe er die hohe Form nicht ausgehalten, als habe er, wenn er allein war, gegen das Pathos revoltiert, schrieb er seine kleine Literaturgeschichte in Knittelversen. Sie bilden die Kehrseite der Georgeschen Medaille, die Komödie nach der inszenierten Tragödie. Die hohe Germanistik steigt vom Kothurn.

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