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Spanien-Roman : Die Ruinen einer Familie

  • -Aktualisiert am

Ein Roman als Liebeserklärung an die Landschaft Galiciens - hier die Costa da Morte. Bild: Franz Lerchenmüller

Katholizismus, Adel, Franco-Diktatur: Mit ihrem Roman „Alles, was ich dir geben will“ blickt Dolores Redondo in die Abgründe Galiciens.

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          Ein gewisser Jim Hawkins reichte im Jahr 2016 ein Manuskript namens „Die Sonne von Theben“ für den spanischen Premio-Planeta-Literaturpreis für unveröffentlichte Romane ein und gewann die hochdotierte Auszeichnung. Schnell stellte sich heraus, dass sich hinter dem Pseudonym die Bestsellerautorin Dolores Redondo verbarg. „Die Sonne von Theben“ heißt auch der Roman, den der überaus erfolgreiche Schriftsteller im Mittelpunkt ihrer neuen Geschichte schreibt. Dessen Ehemann kritisiert den Entwurf, doch Manuel Ortigosa schüttelt den Einwand ab; das neue Buch sei eben, was seine Leser von ihm erwarten. Aber die Kritik dringt vor zu seinem Kern: Er ringt mit sich, um die Gründe und die Ziele seines Schreibens.

          In diesen Metapassagen kann man nicht umhin, in Ortigosa die Schriftstellerin Dolores Redondo selbst zu sehen, die mit „Alles was ich dir geben will“ den ersten Roman seit ihrer Baztán-Trilogie vorlegt. Die Bücher waren ein großer Erfolg, der Produzent von Stieg Larssons „Millennium“-Adaptionen hat den ersten Teil inzwischen verfilmt.

          Der „Sonne von Theben“ jedenfalls ist kein langes Leben beschieden. Polizisten unterbrechen Ortigosas Schreibklausur und teilen ihm mit, dass sein Ehemann Álvaro tödlich verunglückt sei. In den folgenden zwei Wochen wird er nicht nur mit der Vermutung konfrontiert, dass es sich bei dem Unfall aller Wahrscheinlichkeit nach um einen Mord handelt, sondern auch mit der Tatsache, dass Álvaro ein geheimes Doppelleben führte, Spross einer alten Adelsfamilie war und den Titel eines Grafen trug.

          Wie die vorherigen Romane Redondos ist auch „Alles was ich dir geben will“ lokal verwurzelt. Diesmal jedoch nicht im Baskenland, sondern im ländlichen Galicien, wohin sich der gebürtige Madrilene sofort aufmacht, um sich in einer unerwarteten Dreieckskonstellation wiederzufinden. Gemeinsam mit einem pensionierten Polizisten und Álvaros Beichtvater bemüht er sich, die Umstände des Todesfalls aufzudecken, und stößt dabei auf Widerstände mit jahrhundertealter Tradition. Geschickt etabliert Redondo im ersten Viertel ihres Romans den Eindruck einer Region in der Hand einflussreicher Mächte: Verbindungen zur katholischen Kirche, ein Adelstitel und während der Franco-Diktatur angehäufter Reichtum gewährleisten hier eine selbstverständliche Immunität.

          Dolores Redondo: „Alles was ich dir geben will“. Roman. Aus dem Spanischen von Lisa Grüneisen. btb Verlag, München 2019. 608 S., geb., 22 Euro.

          Dass Standesdünkel und passive Gottergebenheit auch über Álvaros Tod hinaus in der Gegend omnipräsent sind, vermittelt Redondo in zahlreichen scheinbar nebensächlichen Szenen. Wenn sie etwa den Polizisten über die „galicische Tristesse“ schimpfen lässt, die Unart der Leute, alle Gebäude nur zur Hälfte fertig zu bauen. Gleichzeitig ist „Alles was ich dir geben will“ aber auch eine Liebeserklärung an die Region, an die Landschaft, die traditionsreiche, schwere körperliche Arbeit der Weinbauern an den Steilhängen der Ribeira Sacra.

          In dieser ursprünglichen Natur findet Redondo starke Metaphern und Symbole für ihre Geschichte. Etwa die von einem Stausee gefluteten Dörfer, deren aus den Untiefen aufragenden Überreste an die Menschruinen der Adelsfamilie erinnern, in der jahrzehntelanges Schweigen irgendwann zwangsläufig zur Katastrophe führt. Quer dazu stehen die drei Protagonisten: Während Redondo anfangs noch latente Homophobie von der einen und städtische Arroganz gegenüber der Provinz auf der anderen Seite thematisiert, rauft sich das Trio bald zusammen, lacht und weint miteinander.

          Die Autorin ist stark, wenn es darum geht – so rechtfertigen sich auch die stolzen sechshundert Seiten –, nuanciert die Auseinandersetzungen ihrer Figuren untereinander und mit ihren eigenen Dämonen zu entfalten, kleinste Verschiebungen in ihrer Weltsicht nachzuvollziehen. Aber ausgerechnet in den Spannungsspitzen liegen ihre Schwächen. In der Eleganz ihrer Plotstrukturen mag Dolores Redondo an ihr offensichtliches Vorbild Agatha Christie heranreichen. Mit deren sprachlichem Timing und Rhythmusgefühl kann ihre Familiensaga aber nicht mithalten. So behält sie etwa durchgängig einen stark deskriptiven, gelegentlich langatmigen Tonfall bei.

          Wenn es um Beschreibungen eines idyllischen Gartens geht, mag das tatsächlich dabei helfen, die Parameter der geschilderten Welt zu verstehen, bei einer Vergewaltigung wirkt es eher unnötig voyeuristisch. Und wer sich erst bemüht, die Untaten seiner Figuren behutsam aus psychologischen oder kulturellen Gegebenheiten heraus zu entwickeln, und dann die Täter unreflektiert als „Monster“ bezeichnet, nimmt seine gedanklichen Abkürzungen an den falschen Stellen.

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