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: Mit Flair in den Abgrund

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Als der Schriftsteller Richard Yates 1992 in einem winzigen Apartment in Birmingham, Alabama, starb, von einer Lungenkrankheit gezeichnet, vom Alkohol ruiniert, da war sein Werk selbst in Amerika weithin vergessen. Vermutlich wäre es für immer in den Archiven der Literaturgeschichte vermodert, hätten sich nicht einige jüngere Autoren nachdrücklich für ihn eingesetzt.

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          Als der Schriftsteller Richard Yates 1992 in einem winzigen Apartment in Birmingham, Alabama, starb, von einer Lungenkrankheit gezeichnet, vom Alkohol ruiniert, da war sein Werk selbst in Amerika weithin vergessen. Vermutlich wäre es für immer in den Archiven der Literaturgeschichte vermodert, hätten sich nicht einige jüngere Autoren nachdrücklich für ihn eingesetzt. Zumal Stewart O'Nan warb 1999 in einem langen Essay in der "Boston Review" dafür, in Bibliotheken und Antiquariaten nach den vergriffenen Büchern von Yates zu stöbern und sie von Hand zu Hand zu reichen wie einen Schatz, bis endlich ein Verlag begreifen möge, dass hier ein amerikanischer Klassiker des zwanzigsten Jahrhunderts wiederzuentdecken sei.

          In Deutschland hatte das Werben Erfolg. Vor fünf Jahren veröffentlichte die DVA "Zeiten des Aufruhrs", den 1961 unter dem Titel "Revolutionary Road" herausgekommenen Erstling von Yates. 2006 folgte ein grandioser Band mit Kurzgeschichten, "Elf Arten der Einsamkeit" (F.A.Z. vom 15. März 2006), und nun erscheint, dreißig Jahre nach der Erstpublikation, zum ersten Mal in deutscher Übersetzung der Roman "Easter Parade". Es ist, man darf es ruhig so pathetisch formulieren, ein Ereignis. Nichts hat das Buch von seiner Frische, von seiner bewegenden Kraft verloren. Man liest es mit stockendem Atem und wundem Herzen.

          Yates ist der melancholische Chronist der amerikanischen Mittelklasse in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Mit geradezu selbstquälerischer Genauigkeit hat er die Leute in den Vorstädten und Büroetagen beobachtet, ihre Sorgen notiert, ihre bescheidenen Träume verzeichnet und voller Anteilnahme beschrieben, wie das ohnehin triste Leben mit den Jahren immer enger wird, wie selbst die kleinen Hoffnungen nach und nach zerbröseln, bis nichts mehr an ihrer Stelle bleibt als eine schmerzende, pochende Leere, die schwerer zu ertragen ist als der Verlust der Träume selbst.

          Sarah und Emily wachsen in den dreißiger und vierziger Jahren, gegen Ende der Großen Depression, unweit von New York bei ihrer unsteten, egozentrischen Mutter auf, deren einziger Ehrgeiz darin besteht, "die schwer fassbare Eigenschaft, die sie ,Flair' nannte, zu erlangen und beizubehalten. Sie brütete über Modezeitschriften, kleidete sich geschmackvoll und versuchte ihr Haar auf verschiedene Weise zu frisieren, aber ihre Augen blickten immer verwirrt, und sie lernte nie, den Lippenstift innerhalb der Grenzen ihres Mundes aufzutragen." Unablässig ziehen Mutter und Töchter von Vorort zu Vorort, immer in die feineren Viertel, die sie sich nicht leisten können, und schließlich nach Manhattan, in eine schäbige, einstmals herrschaftliche Wohnung am Washington Square.

          Sarah, ohne Ehrgeiz, naiv wie ihre Mutter, gesegnet nur mit einer guten Figur, heiratet früh einen jungen Mann aus der Nachbarschaft, dessen größte Vorzüge ein elitär klingender Akzent und ein Grundstück auf Long Island sind, das Sarah und ihre Mutter hartnäckig ein "Anwesen" nennen, obwohl darauf nur ein altes, düsteres, schwer zu heizendes Haus steht. In drei Jahren bringt Sarah dort drei Jungen zur Welt, versinkt im Strudel der Mutterschaft und unter den Schlägen ihres Mannes, dessen Upper class-Manieren sich rasch als furchtbarer Irrtum erweisen.

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