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: Mit den Augen Monets

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Es gehört Mut dazu, mit Mitte Vierzig ein Romandebüt vorzulegen und dieses etwas großspurig "Ein Vermächtnis" zu überschreiben - Mut, Selbstbewußtsein und jene sorglose Gelassenheit, die nur Erfahrung mit sich bringt. Die es wagte, verdient, zu den bedeutendsten europäischen Schriftstellerinnen des ...

          Es gehört Mut dazu, mit Mitte Vierzig ein Romandebüt vorzulegen und dieses etwas großspurig "Ein Vermächtnis" zu überschreiben - Mut, Selbstbewußtsein und jene sorglose Gelassenheit, die nur Erfahrung mit sich bringt. Die es wagte, verdient, zu den bedeutendsten europäischen Schriftstellerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts gezählt zu werden - und ist doch eine Unbekannte.

          Sybille Bedfords autobiographisch inspirierter Roman "A Legacy" erschien erstmals 1956 in Großbritannien und fand acht Jahre später unter dem holprigen Titel "Das Legat" in deutscher Übersetzung wenig Aufmerksamkeit. Nun ist das Werk, neu übersetzt von Reinhard Kaiser, in angemessen prachtvoller Aufmachung in der Anderen Bibliothek bei Eichborn erschienen: eine zweite Chance, die Autorin zu entdecken. In England, so behauptet der Verlag, gelte der Roman längst als "Klassiker der Moderne" - ein frommer Wunsch, sind doch die Bücher Sybille Bedfords in Großbritannien seit Jahren vergriffen. Einzig die amerikanische Counterpoint Press gibt ihr Gesamtwerk - vier Romane, literarische Reise- und Prozeßberichte sowie eine zweibändige Biographie Aldous Huxleys - in Taschenbuchausgaben neu heraus.

          Ohne Nostalgie, aber voller Anteilnahme evoziert "Ein Vermächtnis" das längst verblichene Deutschland des späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert, eine Welt, die sich intakt wähnt und doch von Sprüngen so durchzogen ist wie eine ausgemusterte Porzellanschale. Eine allwissende Erzählerin, die sich Francesca nennt, aber eigentlich Sybille Bedford selbst ist, schildert die Geschichte ihrer Familie in den Jahrzehnten vor ihrer Geburt (und noch ein Stück darüber hinaus). Es sind die Geschicke dreier sehr unterschiedlicher Familien, deren Wege sich durch Heirat kreuzen, dreier Familien, die sich ihres Platzes in der Welt trügerisch gewiß sind, deren Mitglieder jeder für sich ihren Irrtum schmerzlich werden erkennen müssen.

          Da ist zunächst die Familie des Vaters, die Freiherrn von Felden: alteingesessene badische Landadelige frankophiler Prägung, nicht mehr so vermögend wie einst, doch noch keineswegs verarmt. Mit einer gewissen Sturheit pflegen die Feldens ihr glückliches, abgeschiedenes Leben. Der Vater weigert sich, deutsch zu sprechen - außer mit den Domestiken -, und wer des Französischen nicht mächtig ist, muß zum Lateinischen Zuflucht nehmen. Die als provinziell betrachteten Nachbarn werden nicht eingeladen, doch Wissenschaftler, Kunstliebhaber und Reisende aus ganz Europa sind stets willkommen. Hunde, Enten und Pferde haben ihre eigenen Namen, die Jahreszeiten ihre eigene Gerüche: Die Zeit vergeht und scheint doch stillzustehen.

          Die deutsche Einheit im Gefolge des Kriegs zwischen Frankreich und Preußen behagt den Feldens ganz und gar nicht, und sie begegnen ihr mit angestrengtem Stoizimus. Die Söhne des alten Barons sehen Kräfte am Werk, denen sie ausweichen, die sie aber nicht verstehen wollen. Johannes wird in eine preußische Kadettenanstalt gesteckt, eine Erfahrung, von der er sich nie mehr erholt und deren tragisches Ende für einen politischen Aufruhr sorgt, der die gut gepolsterte Seifenblase, in der alle um ihn herum zu existieren scheinen, endgültig zerplatzen läßt. "Le beau Jules", Julius von Felden, Francescas Vater, ist ein Tiernarr mit Begabung zum Geldausgeben, doch ohne Talent zur Liebe. Gustavus heiratet mit der Tochter des Grafen Bernin in eine standesbewußte, katholische, politisch ehrgeizige Familie ein, deren Ansprüchen er nicht genügt, was eine fatale Fehleinschätzung seinerseits zur Folge hat. Gabriel, der Jüngste, kommt um, als er versucht, seinen Bruder vor den Häschern Preußens zu retten. Und schließlich sind da die Merz, großbürgerliche Berliner Juden, in deren Haus Francesca zunächst aufwächst, obwohl sie gar nicht mit ihnen verwandt ist. Ihr Vater war in erster Ehe mit einer Merz-Tochter verheiratet; nach deren frühem Tod erhöht der Schwiegerpapa stillschweigend Julius' Apanage, und dieser geht weiterhin in der Berliner Voßstraße ein und aus - wenn der leidenschaftliche Kunstsammler nicht gerade auf Beutezug durch Europa reist.

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