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: Mit dem Marsmädchen in Astroland

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Wie Pletzinger diese Geschichte nun erzählt, ist virtuos. Die eingefügten Auszüge aus "Astroland", schnell geschnitten, rauschhaft, radikal, bilden einen scharfen Kontrast zum Kammerspiel am ruhigen See. Während Mandelkern zweifelt und fragt, tastet und zögert, die Avancen Tuulis nur halbherzig erwidert, drückt Svensson in seinen Erinnerungen heftig auf das Gaspedal - ein Tempo- und Temperamentwechsel, der dem Roman sehr gut bekommt. Wie Svensson restalkoholsiert, mit blutverschmiertem Hemd und vor Eifersucht glühend durch das noch in Schockstarre verharrende New York irrt oder wie das Trio ins mörderische Chaos einer Wahlnacht in der brasilianischen Provinz gezogen wird - das sind erzählerische Bravourstücke, denen man mit angehaltenem Atem folgt. Auch an Svensson ist ein Ethnograph verlorengegangen; nicht umsonst verweist schon der Romantitel auf eine Art von Sepulkralkultur.

Eine Scharnierstelle der Geschichte ist ein grausiger (aber großartig geschilderter) Hahnenkampf, den das Trio in Brasilien erlebt und bei dem indirekt Felix und Svensson gegeneinander antreten. Männliche Rivalität ist ein Leitmotiv des Buches; auch Mandelkern wird von Svensson zum Duell gefordert, wenn auch nur beim Tischtennis, eine harmlose Reprise des fatalen Ringens um die Liebe Tuulis. Doch für Mandelkern wirkt die bis zum Schluss spannend bleibende Geschichte wie ein Katalysator für die überfällige Reaktion in eigener Sache.

Thomas Pletzinger erzählt direkt und schnörkellos, er hat eine zupackende und unverkrampfte Sprache für alles Körperliche und Sinnliche, gerade auch das Sexuelle, ohne dabei ins Posenhafte oder gar Prahlerische zu geraten. Zugleich legt der Roman ganz offen Fährten ins Intertexuelle: Uwe Johnsons "Jahrestage" oder Max Frischs "Montauk" werden als Folie der New-York-Passagen ebenso offen benannt wie die ethnologischen Klassiker von Malinowski bis Clifford Geertz, dessen Essay über "Balinesischen Hahnenkampf" ein Standardwerk ist.

"Dichte Beschreibung" ist in die Methode des Romans eingegangen: Es gibt keine nackten Fakten, keine unmittelbar der Abschilderung zugängliche Sphäre der Wirklichkeit, sondern stets nur Deutungen, in die der Erzähler selbst eingeschlossen ist. So ist Tuuli, das "Girl from Mars" aus dem mehrfach zu hörenden Song der Band Ash, für Mandelkern die exotische Möglichkeit eines anderen Lebens. Für sie gebe es nur Gegenwart und Zukunft, heißt es einmal und auch: "Erinnerung ist Sperrgepäck." Daher will Tuuli auch nicht wissen, wer der Vater ihres Kindes war, Felix oder Svensson, sondern nur, wer es werden könnte.

Am Schluss wird Mandelkern (unter anderem) klar, dass er seine abgebrochene Dissertation wiederaufnehmen wird: "Unsere Geschichten passen nicht auf eine Zeitungsseite. Ich bin die Zeitungsseiten leid, Elisabeth. Das Leben ist ein Wirbel und kein Strich." So lässt sich der Roman auch lesen als Reflexion über das Verhältnis von Journalismus und Literatur, über die komplexe Metamorphose von Wirklichkeit in Kunst. Svenssons Kinderbuch ist eine symbolische Verarbeitung eines gewaltigen Verlusts; die Buchillustrationen entstanden, analog dazu, als Gemälde nach einfachen Fotovorlagen.

Noch vertrackter wird das Buch, wenn man die Spur des Dreiecks und des dreibeinigen Hundes verfolgt: Mehrfach werden Svensson, Felix und Tuuli als "Borromäische Ringe" bezeichnet, eine verschlungene Struktur aus drei Kreisen, in denen Jacques Lacan seine Theorie des Realen, Symbolischen und Imaginären veranschaulicht hat. Das Reale, nach Lacan ein noch vorsprachlicher Schrecken oder Trauma, wäre das, was die Erzählung immer nur umkreist: das Kind, das Elisabeth einst bei der Geburt verlor, die Toten des 11. September, Felix' Tod, das verlorene Bein des Hundes. Das kann man, muss man aber nicht im Einzelnen aufdröseln. Thomas Pletzingers Roman ist auch so ein nahezu perfektes Debüt, intelligent, spannend, berührend, in einem Wort: Geistesgegenwartsliteratur.

Thomas Pletzinger: "Bestattung eines Hundes". Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 352 S., geb., 19,95 [Euro].

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