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: Mit dem Leben bezahlt

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Ob Gott von den Autoren phantastischer Literatur träumt, bevor er sie zum Leben erweckt? Philip K. Dick wäre eines seiner Prachtexemplare. Den 1928 in Chicago geborenen Verfasser von mehr als vierzig Romanen trieben ja selbst existentielle Fragen um. Im Jahr 1968, als alternative Gesellschaftsmodelle ...

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          Ob Gott von den Autoren phantastischer Literatur träumt, bevor er sie zum Leben erweckt? Philip K. Dick wäre eines seiner Prachtexemplare. Den 1928 in Chicago geborenen Verfasser von mehr als vierzig Romanen trieben ja selbst existentielle Fragen um. Im Jahr 1968, als alternative Gesellschaftsmodelle hoch im Kurs standen, wunderte er sich: "Träumen Androiden von elektrischen Schafen?" Die fürs Kino adaptierte Geschichte ("Blade Runner") ist nicht halb so naiv, wie die Überschrift vermuten lässt. Darin schildert Dick die Rebellion künstlicher Wesen, deren Lebensdauer von ihren Erbauern streng festgelegt wurde - möglicherweise ein Kommentar zum damals akuten Generationenkonflikt; vielleicht auch eine Ode an die Empathie; auf jeden Fall ein einfallsreiches Science-Fiction-Buch, herausragend im Lebenswerk des Wahlkaliforniers.

          Bei all seinen Entwürfen spielen ethische und erkenntnistheoretische Problemstellungen ebenso eine Rolle wie private Nöte und politische Tatsachen. Dick spekulierte ohne Unterlass darüber, was ein Mensch im Verhältnis zur Wirklichkeit sei. Dafür schuf er in misslichen Lagen steckende Antihelden. Zum Beispiel einen Meeresbiologen, der sein Dasein auf einem staubtrockenen Planeten fristet ("Irrgarten des Todes"). Oder den armen Ragle Gumm, für den im Fünfziger-Jahre-Roman "Zeit aus den Fugen" eine komplette Welt aufrechterhalten wird - ähnlich wie für die Hauptfigur des Kinofilms "Truman Show" (1998).

          Seit der Debüterzählung "Roog" über einen Wachhund, der die Müllabfuhr verdächtigt, Essen zu stehlen, zeichnete Dick in verqueren Perspektiven absurde Handlungsmuster nach. Die autobiographische Färbung der zahlreichen Plots, in denen die Charaktere an immer bizarrer anmutenden Umständen verzweifeln, lässt das Gesamtwerk als Abrechnung mit der permanent unsicheren eigenen Existenz erscheinen. Andererseits kann man es als hartnäckige Variation der immer gleichen Problemstellungen lesen, die, mit geringerem Unterhaltungswert, auch in philosophischen oder medienwissenschaftlichen Abhandlungen durchgekaut werden.

          Das Werk des Proust- und Joyce-Bewunderers erfährt heute eine kritische Beachtung, die ihm als Verfasser sogenannter Trivialliteratur zu Lebzeiten nicht zuteil wurde. Art Spiegelman verglich ihn sogar mit Kafka. Der feine Unterschied: Im Gegensatz zu Prousts, Joyce' oder Kafkas Ideen findet man seine Vorstellungen eher in Kinosälen als im Schulunterricht wieder. Das hat mit dem Ruf der Flüchtigkeit kultureller Massenware zu tun. Neben der körperlichen Verausgabung an der Schreibmaschine rückt diesen Autor auch die serielle Produktionsweise in die Nähe des überstrapazierten Begriffs "Pop". Die heutige "Popliteratur" hieß in den sechziger Jahren nach einem im "Playboy" erschienenen Manifest des rebellischen Akademikers Leslie Fiedler noch "Postmoderne Literatur". Fiedler definierte sie als Gegenmodell zur literarischen Moderne und sah sie eng mit der Alltagskultur und deren schneller Konsumierbarkeit verbunden. Die Hollywood-Studios nehmen Dicks Bezug zur Populärkultur postum gern in Kauf - und schreiben ihn fort. Neben komprimierten Romanversionen sind es Dicks hitverdächtige Erzählungen, die immer wieder als Inspiration dienen. Steven Spielbergs "Minority Report" und Paul Verhoevens "Total Recall" basieren auf solchen Kurzgeschichten. Dick brachte 118 Stück davon zu Papier.

          Dass er im heutigen Sinne Workaholic war, bedeutet auch: Der fünfmal verheiratete, dreifache Vater hat die einfachen Metaphern, die unter schwierigen Bedingungen entstanden, mit einem den historischen Umständen geschuldeten Leben bezahlt. Würden seine Kritiker das alltägliche Dilemma zur Kenntnis nehmen, müssten sie Philip K. Dick nicht mit Ikonen des Literaturkanons vergleichen, um ihn zu würdigen. Ihm blieb keine andere Wahl, als seine Geschichten in der Form zu verfassen, in der wir sie heute lesen können.

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