https://www.faz.net/-gr3-x7tr

: Mit dem Leben bezahlt

  • Aktualisiert am

Heiko Arntz, Herausgeber der vorliegenden Kassette mit "Sämtlichen 118 SF-Geschichten in 5 Bänden", bringt im Zuge seiner Würdigung einen produktiven Widerspruch ans Licht. Arntz hat für die - zum Einstieg ins Werk ideal geeignete - Box den "Philip K. Dick Companion" kompiliert. Im darin befindlichen "Selbstporträt" erklärt Dick: "Ich war ein besserer Romanschreiber als Kurzgeschichtenschreiber. Geld hatte damit nichts zu tun; mir machte es Spaß, Romane zu schreiben, und sie kamen gut an." An anderer Stelle zitiert ihn Arntz: "Wenn das A und O von Science-Fiction die Idee ist, dann bleibt die kurze Form wahrscheinlich die SF-Form par excellence." Arntz folgert: "Ohne die Erzählungen gegen die Romane ausspielen zu wollen - aber in der Meta-Erzählung, die die ,Sämtlichen Erzählungen' bilden, haben wir den ganzen Dick vielleicht sogar in seiner besten Form." Die Frage nach der Erscheinungsform seiner Ideen scheint tatsächlich der Schlüssel für Dicks irdisches Schicksal zu sein. Am Anfang aller Mühen standen sieben realistische Manuskripte, die kein Verlag wollte. Die ersten Gehversuche im Terrain der Science-Fiction machte er mit Hilfe von Magazinen, in denen die kurze Erzählung als Ursprung des Genres geprägt wurde. SF-Romane waren in den fünfziger Jahren eine Seltenheit. Die positive Resonanz auf seine Romane der Sechziger ließ in ihm vermutlich das paradoxe Gefühl anschwellen, ein verkannter, seriöser Schriftsteller zu sein. Finanzielle Engpässe kanalisierten diese Selbsteinschätzung in eine Arbeitswut, die nach einer spirituellen Erfahrung Mitte der siebziger Jahre in neue Bahnen gelenkt wurde. Die vom Kalten Krieg und LSD geprägte Meta-Erzählung der Sixties tat wohl ein Übriges, um die Gestalt des Autors zu formen.

Sein Werk verspricht bis heute Unterhaltung: Die sämtlichen Geschichten fassen alle bereits zuvor bei Haffmans veröffentlichten, vergriffenen Storys zusammen. Der "Companion" bietet außerdem Robert Crumbs Interpretation von Dicks "Religiöser Erleuchtung", eine kleine Chronik sowie Dicks Essay "Wie man eine Welt erbaut . . ." Dieser Aufsatz soll auch zentral für einen Band der Roman-Reihe bei Heyne sein - die Publikation bislang unveröffentlichter Schätze aus dem Nachlass ist dort weiter in Planung. Übersetzungen früher realistischer Bücher sowie "Letzte Gespräche" mit dem Autor gibt es im Repertoire der Edition Phantasia. Antiquarisch lassen sich Lawrence Sutins Dick-Biographie ("Göttliche Überfälle") und der mit Dick-Material gespickte "Phantastische Rabe" (ebenfalls Haffmans) erstehen. Wer Dick im CD-Player genießen möchte, sollte sich die Hörbuchfassung vom "Irrgarten des Todes" (Delta Music) zulegen und den Ausführungen der handelnden Personen über die dialektische Beziehung des "Schöpfers" und des "Formenzerstörers" lauschen. Eine Verfilmung von Philip K. Dicks Leben mit Paul Giamatti in der Hauptrolle wird nach dem achtzigsten Geburtstag am 16. Dezember 2008 in die Kinos kommen.

Im amerikanischen Fernsehen trat Dick zuletzt in Erscheinung, als eine Figur der Inselserie "Lost" sich seinen Roman "Valis" zu Gemüte führte. Ein Schlüssel zum Geheimnis des Eilands? In dieser Formenvielfalt wiederbelebt, mitunter gar vergöttert zu werden, hätte sich der selbstzerstörend-schöpferische, 1982 verstorbene Dick nicht träumen lassen.

WOLFGANG FRÖMBERG

Philip K. Dick: "Sämtliche 118 SF-Geschichten". Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bela Wohl, Thomas Mohr, Clara Drechsler, Harry Rowohlt, Klaus Timmermann u. a. Haffmans Verlag bei Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2008. 5 Bände, 3216 S., 49,90 [Euro].

Weitere Themen

Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane Video-Seite öffnen

Festnahme : Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane

Auf der Art Basel in Miami hat ein Performance-Künstler eine an die Wand geklebte Banane aufgegessen, die ein Werk des Italieners Maurizio Cattelan und bereits für einen sechsstelligen Betrag verkauft worden war.

Topmeldungen

Dicke Luft in Stuttgart

Klimagipfel : Mit Verzichtspanik wird nichts erreicht

Als müsste in einer klimafreundlicheren Welt jemand aufs Auto, aufs Heizen, Fliegen oder auf Kinder verzichten! Das Vertrauen in die Technik ist bei denen, die den Innovationsgeist am lautesten für sich reklamieren, am geringsten.
Leonardos „Heiliger Hieronymus in der Wildnis” blieb um 1480 unvollendet.

KI im Kunsteinsatz : Großreinemachen

Mit Hilfe künstlicher Intelligenz wird Shakespeare sortiert und Beethoven vollendet. Werke von Leonardo und Cézanne, Kafka und Musil, Mahler und Musil warten schon. Wohin soll das führen?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.