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: Mit Augen beschenkt

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Der Gentleman wurde auf der Grand Tour durch Europa gesellschaftsfähig, Goethe bildete sich in Italien zum klassischen Subjekt aus. Der zivilisationsmüde Europäer der Neuzeit dagegen sucht in Indien das Vergessen: Selbstfindung durch Ichverlust, Erkenntnis des Eigenen im absolut Fremden. So brachen ...

          Der Gentleman wurde auf der Grand Tour durch Europa gesellschaftsfähig, Goethe bildete sich in Italien zum klassischen Subjekt aus. Der zivilisationsmüde Europäer der Neuzeit dagegen sucht in Indien das Vergessen: Selbstfindung durch Ichverlust, Erkenntnis des Eigenen im absolut Fremden. So brachen schon Hesses Indienfahrer aus bürgerlicher Enge auf, das Land spiritueller Sehnsucht mit der Seele zu suchen, und in ihrem Gefolge wollten später zahllose Gott- und Sinnsucher bei den Yogis, Swamis und Bhagwans Indiens Herkunft, Religion und abendländische Kultur abschütteln. Martha sucht weder Abenteuer noch Erleuchtung, nicht einmal touristische Reize. "Ich interessiere mich nicht für Ihr Land", erzählt sie jedem. "Ich bin nur hier, um meinen Bruder zu begleiten. Er ist blind. Er braucht mich. Das ist alles. Mein Bruder interessiert sich übrigens auch nicht für Ihr Land. Er will nur vergessen, wo er herkommt."

          Lukas war über ein Jahr in Indien und hat das volle Programm des Rucksack-Hippies absolviert: Haschisch rauchen und Mantras raunen mit komischen Heiligen, rituelle Bäder im Ganges, einfach leben an den Graswurzeln der Dritten Welt. Lukas brachte es weiter als die meisten Europäer: Als Jünger eines Wandermönchs hat er bei einer unbefleckten Empfängnis den unkeuschen Leihvater gespielt, in fremden Zungen geredet, ein Gespensterhaus vom Bannfluch erlöst und die Asche eines britischen Offiziers am heiligen Berg Kailash zur letzten Ruhe gebettet. Lukas war fast ein Initiierter; jedenfalls glaubt er, glücklich wegen und im Nichts, sein Selbst gefunden zu haben.

          Jetzt ist er wieder daheim, ziemlich neben sich und aus der Welt gefallen. Die verständnisvollen Eltern halten seine Unruhe für gewöhnliches Fernweh, die alten Freunde wenden sich kichernd oder gelangweilt ab, und die Wohlstandsgesellschaft war ihm schon zuwider, als er sich noch mit seiner Gitarre im Kinderzimmer einschloß. Wenigstens Martha widmet sich dem verlorenen Bruder mit schwesterlicher Fürsorge; wenn er stundenlang von Dharma, Karma und blinden Gurus erzählt, hört sie ihm mit freundlicher Neugier zu. Aber sie steht vor einer Jura-Klausur, hat Freunde, einen Wasserschaden in der Wohnung und tausend andere Verpflichtungen, die einem erleuchteten Bettelmönch als nichtig und leer gelten.

          Martha hätte die alte Vertrautheit gern wiederbelebt, aber Lukas' befremdliche Geschichten überfordern ihren gesunden Menschenverstand und bald auch ihre Geduld: "Der Vergangenheit sterben, alles ein Spiel bloß, wir selbst Verkleidungen ohne Substanz; nur das Selbst wirklich, von Zeit und Raum unberührt. Ich glaube das alles nicht. Aber ich hätte schon gerne, daß wir die Geschichten vergessen, die erfundenen und die wahren." Lukas stößt alle zurück; hört auf zu essen und zu reden, wird apathisch, krank und endlich blind, wie alle Seher. "Keine Rolle, keine Festschreibung, keine Begrenzung" mehr: So wird man ein zunehmend lästiger "Außerirdischer". Die Ärzte diagnostizieren ein neurotisches Konversionssymptom.

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